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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:27

Helge Timmerberg: Der Jesus vom Sexshop

05.07.2010

Weit herumgekommen

Ein Kirchenheiliger ist der weitgereiste Journalist und Autor wahrlich nicht. Dass sein neuestes Buch diesen Titel trägt, dürfte also ein kleiner Witz sein und sich höchstens über eine vage äußerliche Ähnlichkeit erklären lassen – wobei natürlich unbekannt ist, wie Jesus tatsächlich ausgesehen hat. Von BASTIAN BUCHTALECK

 

Es gibt hier mehr als 20 Stories von unterwegs, die im weitesten Sinne als Reisereportagen bezeichnet werden können. Hedonistisch-lustbetont sind sie und stehen im klaren Kontrast zur Bescheidenheit der Religionsfigur: „Ich ließ es zu, ich akzeptierte lachend die drei großen Regularien des Lebens: Sex, Macht und Geld.“

Mit gerade noch gesundem Egoismus erzählt Timmerberg von seinen kleinen anekdotischen Abenteuern. Als sei jede Reportage zuerst zu seinem Vergnügen und dann erst als Auftragsarbeit entstanden. Es sind Abenteuer, die ohne eine Portion Wagemut nicht erlebt worden wären. „Mit gezügeltem Adrenalin haute ich ab, schnell wurde ungezügelt daraus, denn die Hells Angels folgten mir auf Schritt und Tritt. Warum? Weil ich Angst hatte. Das ist ein Gesetz. Angst zieht Höllenengel an.“

Ein wirklich höllischer Spaß zu lesen, wie der Autor ausgestattet mit dieser naiv zu nennenden Angstlosigkeit dem Leben begegnet. Er lebt aus, was man sich selbst nicht zu leben traut.

 

Keine Angst vor großen Namen

Zum Beispiel erfährt man in „Der kleine Hunter“, dass Kurt Tucholsky oder Ernest Hemingway Vorbilder des Autors sind. Aber nur der amerikanische Journalist Hunter S. Thompson pflegte einen Lebensstil, mit dem sich auch Timmerberg identifizieren kann. Zugleich demontiert Timmerberg in seinen Texten die Kultufiguren - so lange, bis der Mensch dahinter sichtbar wird. Das macht er auch mit Madonna: „Ich schlief mit dem beruhigenden Gedanken ein, dass ich Madonnas Musik noch liebe, aber ihre spirituellen Ambitionen nicht mehr ernst zu nehmen brauche.“

Ein wenig störend sind die Pointen, mit denen die einzelnen Beiträge nahezu zwanghaft abgeschlossen werden. Oft sind sie stumpf oder wirken konstruiert.

 

Subjektiver Journalismus: die große Stärke

Nicht alle Reportagen sind gleich gut. Es gibt einen lustigsten, einen besten und einen ungewöhnlichsten Beitrag. Genauso gibt es welche, die kaum interessieren. Trotzdem sind die Geschichten so breit gefächert, dass – falls eine Story nicht gefällt – der Leser an anderer Stelle fündig wird. Es überzeugen vor allem die Reportagen von extremen Situationen an extremen Orten, in die sich Timmerberg durch seine scheinbare Unverfrorenheit und Angstlosigkeit immer wieder begibt.

„Der Jesus vom Sexshop“ hebt sich erfrischend ab vom Tageszeitungsjournalismus, der sich zunehmend durch spröde umformulierte Pressemitteilungen auszeichnet. Und natürlich handelt es sich bei den Stories von unterwegs um Genre-Literatur, doch durch die eingängige, beschwingte und manchmal sogar tiefgründige Schreibe ist es auch eine genreübergreifend lohnende Lektüre.

 

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