Zum Zuschauen verdammt
Geschickt hat die Herausgeberin die Autoren ausgewählt und positioniert. So unterstreicht gleich die erste Geschichte „Peru, Lima, den 28 Julia 1979“ von Daniel Alarcón in blutigem Schwarz die unbändige Wut einer ganzen Generation, die nicht länger Schönmalerei betreiben will, sondern die Revolution auf die Straße bringt: „So wie die Dinge standen, wollte ich in dieser Nacht mehr als alles andere, dass das, was ich tat, sinnvoll sei. Ich hatte genug vom Malen“ Als politisches Statement tötet der junge Protagonist und Revoluzzer einen reudigen Hund, um ihn Schwarz anzumalen. Im Laufe der Geschichte demaskiert sich die Revolution und zeigt zugleich die Verletzlichkeit des Protagonisten. Leider besitzen nicht alle folgenden 35 Geschichten die Intensität dieses literarischen Wutausbruchs.
Die Mehrzahl der Kurzgeschichten wird von einem Ich-Erzähler beschrieben. Aus diesen persönlichen Perspektiven werden Städte und Slums, wird der ganze Moloch beobachtet. Auf einmal sind nicht mehr die Plantagen und die Schlachthöfe Austragungsort der Konflikte, sondern die Populärkultur: Computer, schnelle Autos, Kartenspiele, Blackberrys und das tägliche Fernsehprogramm werden zum Spiegel der Abstumpfung. Aus Marquez' utopischem Dorf Macondo ist das FastFood McOndo geworden. Vor diesem Hintergrund spielen sich Szenen der Gewalt ab. Die neuen Helden sind Fotografen und Bildbearbeiter, professionelle Beobachter, die zum Zuschauen verdammt sind, dabei verzweifeln und drohen daran zu Grunde gehen. Den perfekten Maßanzug für diese literarische Strategie bietet die facion, eine Mischung aus faktischem Bericht und fiktionaler Erzählung.