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Alexander Osang: Lunkebergs Fest

14.03.2004


Pantoffel im Kühlschrank

Alexander Osang, der vor drei Jahren mit dem Roman Die Nachrichten sein literarisches Debüt gab und zuvor schon dreimal den Egon-Erwin-Kisch-Preis für seine Reportagen erhalten hatte, erweist sich in seinem neuen Buch als scharfer Beobachter und offenbart überdies ein feines Gespür für skurrile Arrangements.

 

In Alexander Osangs elf Erzählungen verwandelt sich niemand über Nacht in ein riesiges Ungeziefer, und doch ist die Welt etwas aus den Fugen geraten, taumeln die Protagonisten wie benebelt durch einen leicht kafaesken Alltag. Ein geordnetes Leben sieht anders aus, die Figuren – allesamt um die vierzig – haben kleinere oder größere Zäsuren hinter sich, wirken ausgebrannt und demotiviert, ihnen geht so ziemlich alles daneben. „Er konnte nichts dagegen tun“, lautet einer der programmatischen Sätze dieses Bandes.

Ein Versicherungsangestellter namens Eckert wird in der den Band einleitenden Erzählung „Totenschiff“ durch einen unglücklichen Zufall zum Entführer eines Reisebusses, der sich auf der Heimfahrt aus Griechenland befindet. Auf der Toilette fällt ihm bei der Suche nach Papierhandtüchern eine Pistole in die Hand. Zu allem Unglück hatte sich Eckert zuvor geschnitten und kehrt dann mit der blutverschmierten Waffe in den Bus zurück. Der Rest verselbständigt sich, Eckert kann sich gar nicht gegen seine Rolle wehren: „Er hatte keine Ahnung, wohin er den Bus dirigieren sollte.“

Kafkaesk verfremdeter Alltag

Anderen Figuren widerfährt das Ungemach auffallend häufig an Feiertagen, also zu einer Zeit, die bisweilen zur Besinnlichkeit einlädt. Doch Alexander Osang gönnt seinen Anti-Helden keine innere Einkehr und treibt sie an den Rand der Selbstzweifel. In „Lunkebergs Fest“ begegnen wir drei Paaren, die miteinander feiern wollen, sich tatsächlich aber völlig fremd sind. Hausherr Bernd Lunkeberg droht völlig die Balance zu verlieren, als er seine Pantoffel im Kühlschrank und seine Bücher in der Besenkammer findet.

Alexander Osang erzählt diese Geschichten in einem unaufgeregten Reportertonfall – gerade so, als schildere er die normalsten Dinge der Welt. Die Stärke des Bandes liegt im fein austarierten Gleichgewicht zwischen Ernsthaftigkeit und Humor, der Leser pendelt zwischen Grübeln und Schmunzeln hin und her. „Und ein Weilchen lang lag er ruhig mit schwachem Atem, als erwarte er vielleicht von der völligen Stille die Wiederkehr der wirklichen und selbstverständlichen Verhältnisse.“ Treffender als mit diesem Satz aus Kafkas Verwandlung lassen sich die inneren Befindlichkeiten der Osang-Figuren kaum beschreiben.

Von Peter Mohr



Alexander Osang: Lunkebergs Fest. Erzählungen. S. Fischer Verlag 2003. 174 Seiten. 15 Euro.

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