Goethe und Montaigne
Und was wäre der Bernhardsche Stil, würde er nicht die Verachtung gegen das Kleinmütige, Spießige und Hybride boshaft zum Ausdruck bringen? »Naturgemäß«, möchte man sagen, kommt der alte Goethe nicht gut weg: ein wehleidiger, megalomanischer und egozentrischer Greis, der nichts mehr wünscht als seinen »Zeitgenossen« (!) Wittgenstein zu treffen und mit ihm über »das Zweifelnde und Nichtzweifelnde« (dem Autor des Über Gewißheit) zu diskutieren. Mit den Worten »Mehr nicht!« (und nicht »Mehr Licht!« ) auf den Lippen »schtirbt« er. Es scheint als hauchte Bernhard selbst mit dem ›sch‹ Goethes Leben genussvoll und beschwichtigend aus; aber nicht ohne dass dieser sich zuvor als »Vernichter des Deutschen!« und »Lähmer der deutschen Literatur« ohne »schlechtes Gewissen« diffamiert hätte.
Während die erste Erzählung die Bernhard typische Strategie und Logik der Diffamierung bedient, zeigt die zweite (Montaigne) das einsame Subjekt, das diffamiert wird. Die Einsamkeit des Intellektuellen inszeniert Bernhard im mühevollen Aufstieg zur Bibliothek im entlegenen Turm, der längst von Spinnweben eingenommen wurde. Hier begegnet uns das bekannte Motiv aus der Auslöschung, die Bernhard kurz zuvor abschließt: die Angst vor der geistfeindlichen, dummen Familie, die Flucht in die Bibliothek, die Philosophie, die Opposition des Geistes gegen den Opportunismus des heuchlerischen ›Geschäfts‹, vor dem der Intellektuelle zum zersetzenden und zerstörenden Element, ja »Unterdrücker« und Verbrecher wird. Hier breitet der Erzähler seinen ganzen Hass in ohnmächtigen, superlativischen Überbietungstiraden aus. Das Geworfensein in eine feindliche Welt hält die geistige Existenz hoffnungslos gefangen. Es gibt kein Entkommen. Das Ich ist immer der Vernichtung und Verschwörung ausgesetzt. Die Hilflosigkeit und Angst dröhnt mechanisch in sich überlagernden phasen- und perspektivverschiebenden Wiederholungen wider.