»Obwohl rasch verarmend, hielten diese Teile der Gesellschaft an den für Mittelschichten spezifischen Sitten und Gebräuchen fest. (...) Lange Wartezeiten, Schlangen vor der Notaufnahme, Fantasiepreise für Medikamente, miese Behandlung, für die Armen seit Generationen täglich Brot, war für Menschen aus den verarmten Mittelschichten immer noch ein Grund zu Empörung und Klagen. (...) Wer aus der privaten Krankenversorgung herausfliegt, verliert gewissermaßen die eigene Identität. Wenn das geschieht, zählt man nicht mehr zur Mittelschicht«.
Diese Zitate sind nicht einer Reportage oder einem Bericht über die sozialen Abstiegs-Ängste der deutschen Mittelschicht in einer unserer Qualitätszeitungen entnommen; sie finden sich vielmehr verwunderlicherweise in einem schmalen, nur 93 Seiten umfassenden belletristischen Buch des Berenberg-Verlags. Der gleichnamige Verleger höchstselbst hat es übersetzt. Sein Autor aber ist der 1967 in Buenos Aires geborene Damián Tabarovsky, der zwar in Paris studiert hat, aber heute in seiner Heimatstadt als Romancier, Essayist, Kolumnist und als Verleger lebt.
Sein erstes Buch auf Deutsch nun ist 2007 erschienen & heißt Medizinische Autobiografie - was aber weder für den Autor selbst zutrifft und noch für dessen Helden, obwohl der »Dami« heißt. Aber auch der junge Soziologe Dami ist nicht, wie´s die »Autobiografie« des Titels annonciert, sein Selberlebensbeschreiber. Dieses literarische Geschäft übernimmt ein namenloser Erzähler, der seinem bei einer Marketingfirma in Buenos Aires angestellten Helden in jeder Hinsicht haushoch überlegen ist. Vor allem, was Witz, Wissen & Willkür angeht.