Kanzler-Kazett
Ach ja, eine schöne Vorstellung, sich über einen längeren Zeitraum vom Alltag und dem Zwang des Geldverdienenmüssens zurückzuziehen und sich ausschließlich der Lektüre wunderbarer Bücher zu widmen, aber um nun doch der Wahrheit die Ehre zu geben, so sehr Degens mit seinen Geschichten auch Lust macht zu flunkern, so sehr er zu Beginn dieser Rezension auch den Münchhausen in mir an die Tastatur gebracht hat: Alles erstunken und erlogen! Einige werden erkannt haben, dass hinter den angeblichen Ausschnitten aus fremden Büchern Marc Degens' seit gut 10 Jahren regelmäßig (von 2001-02 in Feuilleton der FAZ auf der Stil-Seite und, nach kreativer Auszeit, seit 2006 in der österreichischen Volltext) erscheinende Kolumne Unsere Popmoderne steckt, in der er nicht existente Bücher von nichtexistenten Autorinnen und Autoren vorstellt – und das so plausibel und glaubwürdig, dass nach nahezu jeder Folge die Anrufe genervter Buchhändler eingehen, wo und wie man die vorgestellten Bücher denn bestellen könne...
Nun, »korrekt« geht es in den Texten nicht zu, eine »political correctness« ist weder beabsichtigt noch auch nur ansatzweise vorhanden – die Schilderung des von vielfältiger Brutalität geprägten Alltags der unter Lichtallergie leidenden Ex-Kanzlergattin, die Bewohner einer WG, die ihr gemeinsames Zuhause geradezu liebevoll als »unser Kazett« bezeichnen, eine mehr als eindringliche Inzest-Schilderung – Degens ist wenig bis nichts heilig. So übertrieben und unrealistisch er einige seiner Texte angelegt hat, so authentisch wirken wiederum andere, was vor allem an mit voller Absicht geworfenen Assoziations-Ankern liegt – Bezüge zu realen Personen sind weder zufällig noch unbeabsichtigt, und wer sich auch nur ein bisschen für den zeitgenössischen Literaturbetrieb interessiert wird mitbekommen haben, welcher ach so geheimnisvolle Autor bei seiner Lesung in Klagenfurt nicht erkannt werden wollte...
34 Bücher also, die der 1971 in Essen geborene Marc Degens in Unsere Popmoderne vorzustellen vorgibt; Bücher, die es so geben könnte, aber nicht gibt. Und das ist schade, denn ein Großteil der Ausschnitte ist mehr als unterhaltsam und mit großem Humor geschrieben und macht Lust auf mehr. Gerne würde ich lesen, wie es mit dem Schiffsschaukelbremser weitergeht, und selbstverständlich würde mich auch interessieren, ob Holmes und Watson miteinander im Bett landen! Man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben, vielleicht zieht es Degens ja wirklich mal für eine längere Zeit in die Einsamkeit, muss ja kein armenisches Bergdorf sein, um wenigstens diese beiden exemplarisch genannten Ausschnitte zu tatsächlichen Büchern auswachsen zu lassen. Wäre hiermit vorbestellt!
