Eine unerhörte Neuigkeit
Es sind oft Kleinigkeiten, die Langes Geschichten den ganz speziellen Kick geben. Ein Besucher resigniert kurz vor der Schließung des Hauses vor einer Drehtür. Er wird nicht mehr ins Freie gelangen und arrangiert sich widerstandslos mit seiner »Gefangenschaft« in dem menschenleeren Gebäude.
Und wieder lässt Lange – typisch für sein Werk – urplötzlich eine Figur verschwinden. Die Museumsangestellte Margarete Bachmann beginnt zunächst zu frieren, schlüpft in wärmere Kleidung und will dann – wie von einer inneren Stimme getrieben – den Ursprung des kalten Luftzugs aufspüren. Sie schleicht durch dunkle Gänge und irgendwann verliert sich ihre Spur. Das liest sich schaurig und absurd zugleich, als hätten Edgar Allan Poe und Samuel Beckett diese Texte gemeinsam arrangiert.
Diese kleinen fragilen Texte verbreiten eine verstörende Wirkung, alles gerät aus der Balance und wird von einem geheimnisvollen Nebel eingehüllt. Hier wimmelt es von den sogenannten »unerhörten Begebenheiten«, die die große Novellenkunst ausmacht.
Scheinbar unerklärliches menschliches Handeln, manische Obsessionen und rätselhafte Ausbrüche aus dem geregelten Alltag: Das sind wiederkehrende, philosophisch untermalte Themen, mit denen sich Hartmut Lange seit mehr als einem Vierteljahrhundert auf höchstem literarischen Niveau und mit großer sprachlicher Meisterschaft auseinandersetzt. So ist es bedauerlich und auch etwas verwunderlich, dass sein Name immer noch lediglich als Geheimtipp gehandelt wird und er bei der Vergabe der wichtigen Literaturpreise stets ignoriert worden ist.
