Die Textsammlung ist Teil einer endlosen Suche, die nie an ihr Ziel führen wird. »Eine definitive Antwort hat es bis heute noch nicht gegeben. Zum Glück, denn wenn die Menschen keine Fragen mehr zu stellen hätten, müsste man den Endpunkt außerhalb des Universums verlegen. Eine einzige Sache ist gewiß: der Tod, dieser Grill, auf dem wir alle als Braten enden.«
Immer wieder deuten sich Wahrheiten, Einsichten, Erkenntnisse an, verschwinden und tauchen wieder auf. Eine endgültige, feststehende Wahrheit oder Erkenntnis über Thomas Bernhard gibt es nicht. Es gibt Indizien für Vermutungen. Hinweise, die aber letztlich dazu führen, dass man aus Respekt vor dem Menschen Bernhard auf eine endgültige Festlegung und Interpretation verzichtet, verzichten sollte.
Der Wahrheit auf der Spur hat zwei ganz große Momente. Zum einen Bernhards Rede zu Rimbauds 100. Geburtstag, die zwei Leitmotive des eigenen Lebens vorwegnimmt: die Abscheu und Verachtung für den offiziellen Kulturbetrieb sowie die Begeisterung für ein wahrhaftiges Leben und Schaffen: »In der Literatur kommt es nur auf das Ursprüngliche an, eben auf das Elementare, auf Leute wie Jean Arthur Rimbaud. Der Dichter Frankreichs war ein wirkliches Element, seine Verse waren aus Fleisch und Blut. (...) Er riß das Leben an sich, unkonventionell, mit der Wurzel, packte es zugleich voll Ehrfurcht und Todessüchtigkeit. (...) Er war nichts weniger als ein Mensch, und als solcher rührte ihn die Vergewaltigung des Geistes auf. (...) Er steht vor uns wie seine Dichtung: abscheulich, wahrhaft, schön und von Gott!«
Der zweite große Moment ist eines seiner letzten großen Interviews (geführt von Asta Scheib), das am 17. Januar 1987 in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Es entstand nach dem Tod von Bernhards langjähriger Lebensgefährtin. Hier wird erstmals und ziemlich einmalig der Panzer durchbrochen. Hier wird Bernhard ganz menschlich. Denn Bernhard gesteht expressis verbis ein, dass auch er, der sich als Misanthrop und Insel stilisierte (und selber schützte?), wie alle anderen Menschen auch, einen geschützten Raum brauchte, der ihm Zuflucht und Sicherheit gab, um all seine Angriffe und Ausfälle zu fahren, all die Kritik und Beschimpfungen einzustecken. Aus diesem Raum, der Beziehung zu Hedwig Stavianicek, zog er seinen Rückhalt, seine Sicherheit und seine Kraft. Auch Bernhard war keine Insel, wollte und konnte es nicht sein.
Der Wahrheit auf der Spur ist ein Buch, das mit all seinen Höhen und Tiefen die Annäherung an diesen streitbaren und widersprüchlichen Geist, an den zutiefst verletzten, verletzlichen und verletzenden Menschen ermöglicht, aber letztlich den Menschen unerklärt lässt, weil er wohl schlicht unerklärlich ist. »Der Wald ist groß, die Finsternis auch. Manchmal ist halt so ein Käuzchen drin, das keine Ruh’ gibt. Mehr bin ich nicht. Mehr verlang’ ich auch gar nicht zu sein.«

