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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:35

Helmut Gotschy: Storch

30.05.2011

Menschliches, Allzumenschliches ...

15 Erzählungen bedeuten 15 Verstörungen, 15 Enttäuschungen, 15 Überraschungen. – Eine Beschreibung der »Flugkoordinaten« von Helmut Gotschys Storch. Von HUBERT HOLZMANN

 

Die Geschichten in Helmut Gotschys erstem Erzählband Storch sind Alltagssituationen geschuldet, die allesamt noch einer Zeit ohne facebook, twitter und eBay entspringen. Netze und Beziehungen werden hier noch durch handwerklichen Fleiß geknüpft, hier wird sich noch real begegnet. Oder auch nicht. Hier werden Anrufbeantworter abgehört, hier werden echte Drehleiern nicht per eBay vertickt, die wertvollen Exponate werden am Stand eines Mittelaltermarkts feilgeboten, hier werden richtige Briefe geschrieben, geangelt, geliebt, onaniert...

 

Also: Nichts Neues bei Helmut Gotschy? Wenn da nicht seine Fähigkeit wäre, in seinen kurzen Storys, Szenen, Episoden genau in dem Moment auf den Auslöser zu drücken, wenn es drauf ankommt. Es sind entscheidende Lebenssituationen, Wendepunkte, Abgründe, entstanden aus Erinnerungen aus seiner Zeit als Musikinstrumentenbauer, eigene Reiseanekdoten, fiktive Schreibanlässe aus Schreibseminaren, die es ihm gelingt einzufangen. Immer sind es kurze Begegnungen, Momente der Hoffnung, Wunschvorstellungen, aber auch Tiefschläge, Risse im Leben.

 

Geschichten, die das Leben schreibt

In June fängt er die entscheidende Szene im Leben einer jungen Nachwuchswissenschaftlerin ein: Sie steht karrieremäßig kurz vor dem Durchbruch, soll sie doch als Assistentin ins Team eines der wichtigsten Hirnforscher, Alessandro Corriani, aufgenommen werden. Es ist am Abend vor ihrer entscheidenden Präsentation. Gotschy fängt mit vier aufgezeichneten Anrufen des Anrufbeantworters die Situation ein und macht die Beziehung von June zur Außenwelt deutlich: zu einer Freundin, zu einer anderen Uni-Mitarbeiterin, zu ihren Eltern. Ein typisches modernes Leben im sozialen Spannungsfeld. Nicht Außergewöhnliches.

 

Am Morgen erste Anzeichen einer plötzlichen Störung: »Born in the USA! Bruce Springsteen riss sie aus dem Schlaf. Ihr Schädel brummte und sie presste das Kissen gegen die Ohren. Corriani!, schoss es ihr durch den Kopf. Sie blickte zur Uhr. Fünf vor sechs. June riss sich zusammen und warf die Bettdecke zur Seite. Dabei fiel das Wasserglas zur Seite.« Dann ein kurzes Stechen über dem linken Auge, ein Pochen, später auf der Fahrt Blitzlichtgewitter, Sternenfeuer, ein »bohrender, flammender Schmerz«.

 

Das Ende: Schlaganfall und die Intensivstation der Notfallklinik. Ein Schock. June kann es nicht fassen, will an allem festhalten. Sie kann nicht mehr, sie lässt los und fällt, »immer schneller, immer tiefer«. Offenes Ende? Leerstelle? Doch zunächst kommt June nach Hause, sucht Unterlagen zusammen, bereitet den nächsten Tag vor. Zufall, Determination werden ausgeblendet. Wirkt der Einstieg wie ein Tatsachenbericht, gar steril wie die spätere Klinikakte – ein schneller Wurf, wer, was, wann, wo, gerät der Schluss ins Dunkel, evoziert sogar Interpretation. Am Ende ist Junes Tatendrang ausgebremst. Der Höhepunkt: Erkenntnis und... Finis. Das ist halt so.

 

»Wa-damm, wa-damm«

Auch der Blick gen Osten – eine späte Verneigung, Reminiszenz an die Wendezeit. Alle Klischees werden bedient. Das Ostkolorit als musikalisches »wa-damm, wa-damm« der Autobahnfahrt, betäubend, erdrückend, ermüdend. Die Rast in einem Gasthaus weckt Erinnerungen an früher, an die DDR, an den Transit-Verkehr, an den Besuch im Osten Berlins. Im Rudolstadt der Wendezeit blickt er in die Gesichter von früher. Ablehnung. Unbehagen.

 

Die Gespräche in der Szene des Tanz- und Folkfestivals sind dann entspannt, betont locker. Irgendwann kommt dann eine Frau ins Spiel. »Sie trug die Haare jetzt hochgesteckt, er bewunderte ihren schlanken Hals und die sinnlich geschwungenen Lippen«. »Hallihallo, ich bin die Conny.« – Das muss man mögen. Aber nach ein, zwei Wein und intensiven Gesprächen über Connys Ost-Schicksal bildet sich Mann durchaus etwas ein. Dennoch: unser Held blitzt ab. Und auch der Verkauf von Drehleiern hält sich auf diesem Festival in Grenzen. Lakonisch. Selbstironisch.

 

O Fortuna, velut luna, statu variabilis

Gotschy schreibt mit einem leichten Understatement, sein Tonfall immer etwas distanziert. In der Erzählung Der Syrer sucht er während einer Griechenlandreise erst gar nicht das Abenteuer mit einer Französin, stattdessen durchzecht er mit Hotelgästen eine Nacht. Erinnerung an Jugendzeiten? Auch die namensgebende Erzählung Storch der hoffnungslose Versuch des Pubertierenden die Traumfrau der Schulzeit zu erobern. Das Ende: Schülerfantasien... Glücklos. Ertappt.

 

Parodistisch angelegt hingegen der Text Hundstage. In eine durchaus konventionelle Dreiecksgeschichte mischt Gotschy ein Lied der Carmina burana, als Spiegel und Folie für Handlung und Gedankenwelt des Anglers und Chorsängers. Auch hier gibt es das Ende schon im 13. Jahrhundert: »Fortunas Rad, es dreht sich um«. Alte Weisheit, neu verpackt.

 

Das liebevoll gestaltete Bändchen enthält 15 Etüden, Studien, Fingerübungen, die gerade deswegen für den Leser ihren eigenen Charme und Reiz besitzen. Ganz ohne Pädagogik. Vielleicht eine Inspiration.

 

Die nächsten Lesungen:

30.06.11 in der Hansabibliothek in 10557 Berlin

10.07.11 in der Fachklinik in 89335 Ichenhausen

15.07.11 in der Binger Bühne in 55411 Bingen

 

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