Reduktion mit Präzision
Was sich hier eventuell nach literarischer Fingerübung oder gar nach einem erzählerischen Taschenspielertrick anhört, entfaltet bei der Lektüre erstaunliche Weite und Tiefe. Denn die angestrebte Verknappung führt nicht zu künstlerischer Reduktion; hier wurde nicht etwa einfach an Adjektiven gespart, wie man vermuten könnte, um einem selbst auferlegten Dogma gerecht zu werden. Im Gegenteil: Egal, welche Stimmungen sie transportieren, die wenigen Zeilen der einzelnen Texte offenbaren ganze Bewusstseinsströme. Einige der kurzen Erzählungen kommen dabei mit der Kühle einer Bedienungsanleitung daher, andere entfalten grotesken Charme, während wieder andere mit einer emotionalen Wucht aufwarten, die einen erst einholt, wenn man glaubt, die nur wenige Zeilen umfassenden Textfetzen bereits verdaut zu haben. Dass Albahari seine gesammelten »Minutentexte« über einen Zeitraum von 30 Jahren niedergeschrieben hat, fällt dabei übrigens überhaupt nicht auf – sie lesen sich wie aus einem Guss.
Ein Thema, das in den klar und scharf formulierten Stücken immer wiederkehrt, ist die Stille. Man könnte meinen, dass sie der Grund dafür ist, warum Albahari bereits nach wenigen Sätzen das ausgesprochen haben will, was er in seinen Geschichten mitzuteilen hat. So, als wolle er gegen die Stille anreden. Doch da es sich bei der vorliegenden Anthologie um kurze Geschichten und dauerhafte Wahrheiten über Liebe, Traurigkeit und den ganzen Rest handelt, mag auch das Gegenteil davon stimmen. Immerhin kann die Stille gleichermaßen als Bedrohung oder Erlösung auftreten oder enden, als beängstigende Leere oder als Fülle und Labsal. Je nachdem eben. Die Kuh ist ein einsames Tier wartet mit beidem auf. Und mit allem, was dazwischenliegt.
