Der Autor beeindruckt als Meister der Kurzgeschichte. Er wählt selbstsicher den Ausschnitt, die wenigen Details, Stimmungen, Farben, die er für sein a fresco-Gemälde benötigt. Die Spannungen, die Konstellation werden in den ersten Sätzen sichtbar: »Reinhold stand am Fenster und schaute hinaus. Unten auf der Straße gingen ein paar Männer vorbei, und er trat instinktiv einen Schritt zurück. Wenn er ehrlich war, fürchtete er sich vor den Menschen hier, vor ihrer launischen Art und ihrer Verstocktheit. Ihre grobe Sprache stieß ihn ab, und ihr Lachen war ihm unheimlich. Sein Vorgänger war wie sie gewesen, ein ungeschlachter lauter Mensch, der am Sonnabend mit seiner Gemeinde trank und ihr am Sonntag ins Gewissen redete.« Die Szene ist sofort eingängig, und trotzdem – die Lösung liegt nicht auf der Hand. Der Gemeindepfarrer muss erst Konventionen durchbrechen, um den pastoralen Aufruf »Fürchtet euch nicht« neu zu hören.
Auch zwischen Mann und Frau: eingespielte Verhaltensmuster und bloßes Nebeneinanderherleben in langjährigen Partnerschaften, Berührungsängste, Verletzungen, Zurückweisungen in der ersten Liebe. Erschreckend, wie schnell glückliche Momente verspielt werden, wie einfach man sich wieder auseinanderlebt, sich verliert. Peter Stamm fixiert ein Geschehen in dem Augenblick, in dem sich die Blende der »Fotografin« schließt: »Sie sucht nicht lang nach dem richtigen Ausschnitt, drückt gleich ab und noch einmal. Ich habe gefragt, ob ich lächeln soll? Sie hat den Kopf geschüttelt. Nein, hat sie gesagt. Einfach so bleiben. Das ist perfekt.« Erstaunliche Tiefenschärfe.
