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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:36

Tom Bresemann (Hrsg.): Im Heiligkeitsgedränge

05.12.2011

Gegen den Weihnachtsmechanismus

Weihnachten macht müde: Geschenke kaufen, im Stau stehen, das Festessen organisieren, Postkarten verschicken, die ungeliebten Verwandten freundlich begrüßen und immer heimelig drauf sein, das gehört sich doch. Und wenn das »Fest der Liebe« da ist, ist die Liebe längst futsch, das alljährliche Ritual wird zur Farce, nicht immer, aber öfter. Wer braucht da überhaupt Weihnachtsgedichte?, fragt PEGGY NEIDEL.

 

Dieser Frage hat sich mutig Lettrétage-Mitarbeiter Tom Bresemann angenommen und eine kleine Anthologie mit Weihnachtsgedichten zeitgenössischer AutorInnen herausgegeben – das Ganze im Büchlein mit grünem Glanzpapiereinsatz für acht Euro. Ein wenig erschrocken ist man schon. Wird hier der altmodische und niemandem gerecht werdende Versuch unternommen, einen literarischen Kanon zu erstellen, indem man eine ausgeleierte Thematik zurück auf die Seiten holt? Das ist zum Glück nicht der Fall. Im Heiligkeitsgedränge hinterfragt mithilfe lyrischer Stimmen den Weihnachtsmechanismus, versucht schlicht und motiviert das Ausloten der Lebendigkeit von Gegenwartslyrik. Und das gerade dann, wenn ein gesellschaftliches Ritual mit seinen starren Regeln den Zeitgenossen in einer merkwürdigen Leere zurücklässt.

 

Abflusslicht, dritter Aufguss

»ich schreibe keine weihnachtsgedichte, keine liebesgedichte // und ich halte menschen keine vorträge, wie sehr ich sie // mag oder verabscheue // (…) mir hängt das innerste nicht termingetreu aus dem hals heraus. generell nicht und nicht jetzt.«

Simone Kornappel verbietet nicht nur Cocooning oder emotionale Vereinnahmung durch andere. Sie fragt danach, inwieweit ein Weihnachtsgedicht inhaltlich auf die allgemein bekannten Requisiten des Festes rekurrieren muss, eben, indem sie selbst diese Requisiten ausspart. Dass sich dieser Ansatz nicht nur auf Weihnachtsgedichte, sondern auf das Mobiliar von Gedichten generell bezieht, ist klar. Auch der Titel ceci n’est pas un poème verweist darauf.

Eine weitere Ebene bei Kornappel, aber auch bei Daniela Seel, ist die interessante Frage, was »das Innerste« überhaupt sei, wann und ob dieser Begriff zur Floskel wird, längst geworden ist: Menschen sitzen um »die alte funzel hier. abflusslicht, dritter aufguss. kaum, dass // sich noch einer dran stieße. kaum, dass noch einer.« Und überall nur »so ein sitzen«, immer alles »bitteschön unverbindlich.«

 

Weihnachten kann kommen!

Etwas allgemeiner fragt Kurt Drawert nach der Bedeutung des Weihnachtsfestes im Angesicht seiner kommerziellen und medialen Inszenierung, seiner organisierten Festlichkeit, die jegliche Authentizität verdrängt: Wenn ein Herr, »beauftragt mit der Erzeugung von Winter«, den Kunstschnee auf den Marktplatz streut, auf dem soeben die städtische Weihnachtstanne geliefert wird. Viele der gedruckten Gedichte fragen nach der Zukunft eines Festes, indem sie desillusionieren oder eine Desillusionierung sichtbar machen.

 

Auch bei Nikola Richters heilige nacht, die nur im Konjunktiv mit einer Gans gekrönt ist und eigentlich das Gefühl vermittelt, »einen mangel zu feiern«, tut Weihnachten richtig weh.

 

Thematisch ähnlich, aber in der Umsetzung konventioneller, geht Philip Maroldt vor: »geschwollene mandeln und // lebkuchen in den backen.// die lymphknoten streiken. // ein reigen von selbstekel // zieht sich durch alle körperöffnungen.«


Geradezu brav wirkt da Angela Sanmanns Kind, das »schnittmuster in den schnee« legt, »ein engel mit kleid und flügeln«. Auch Nora Bossongs Dezemberreise malt konventionellere Bilder, »im Schnee das Glitzern fremder Städte«. Die Spannbreite an die Herangehensweise ist groß. Ob tatsächlich jedes Gedicht umhaut, bleibt Geschmackssache, eine vielfarbig glitzernde Baumkugel ist die Anthologie allemal und hätte gerne noch etwas dicker ausfallen können. Aber auch mit dieser schmalen Auswahl unterm Baum kann Weihnachten gern kommen.

 

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