Weihnachten kann kommen!
Etwas allgemeiner fragt Kurt Drawert nach der Bedeutung des Weihnachtsfestes im Angesicht seiner kommerziellen und medialen Inszenierung, seiner organisierten Festlichkeit, die jegliche Authentizität verdrängt: Wenn ein Herr, »beauftragt mit der Erzeugung von Winter«, den Kunstschnee auf den Marktplatz streut, auf dem soeben die städtische Weihnachtstanne geliefert wird. Viele der gedruckten Gedichte fragen nach der Zukunft eines Festes, indem sie desillusionieren oder eine Desillusionierung sichtbar machen.
Auch bei Nikola Richters heilige nacht, die nur im Konjunktiv mit einer Gans gekrönt ist und eigentlich das Gefühl vermittelt, »einen mangel zu feiern«, tut Weihnachten richtig weh.
Thematisch ähnlich, aber in der Umsetzung konventioneller, geht Philip Maroldt vor: »geschwollene mandeln und // lebkuchen in den backen.// die lymphknoten streiken. // ein reigen von selbstekel // zieht sich durch alle körperöffnungen.«
Geradezu brav wirkt da Angela Sanmanns Kind, das »schnittmuster in den schnee« legt, »ein engel mit kleid und flügeln«. Auch Nora Bossongs Dezemberreise malt konventionellere Bilder, »im Schnee das Glitzern fremder Städte«. Die Spannbreite an die Herangehensweise ist groß. Ob tatsächlich jedes Gedicht umhaut, bleibt Geschmackssache, eine vielfarbig glitzernde Baumkugel ist die Anthologie allemal und hätte gerne noch etwas dicker ausfallen können. Aber auch mit dieser schmalen Auswahl unterm Baum kann Weihnachten gern kommen.