Jürgen Nendza: Haut und Serpentine
03.05.2004
Weltmomente
„Wohin geht das Gedicht?“ fragt die Neue Zürcher Zeitung gegenwärtig in einer aufschlussreichen Serie essayistischer Beiträge. - Vielleicht bemisst sich der Weg, den die Lyrik in unserer Zeit nimmt, auch an den Spuren, die sie im Leser hinterlässt.
Die Spuren, die Jürgen Nendza in seinem jüngsten Gedichtband „Haut und Serpentine“ auslegt, sind solche vielfältigster Natur. Dass Momente der Landschaft, des Erotischen, der Philosophie, des individuellen Alltags und der Historie in diesen Gedichten zusammenfließen, verbindet sie mit einem großen Teil der zeitgenössischen Lyrik. Das Besondere an Nendzas Gedichten ist jedoch, dass es ihnen immer wieder gelingt, weite Räume der Assoziation zu öffnen, die die Wahrnehmung nachhaltig bereichern. Nendzas Gedichte sind, bei aller Kombinatorik der unterschiedlichen Wirklichkeitsbereiche, keine Montagen, die uns zum tausendsten Mal erklären wollen, dass die Wirklichkeit diffus erscheint. Sie sind vielmehr äußerst präzis gearbeitete Vexierbilder, die ihre unterschiedlichen Seiten schon beim ersten Anblick erspüren lassen, um dann, bei genauerer Betrachtung, eine bemerkenswerte Tiefenschärfe bis in ihre filigrane Technik hinein zu entfalten.
Präzis gearbeitete Vexierbilder
Unscheinbarste Alltagssituationen, vielfach durchlebt – die Begegnung mit der Blindenschaltung einer Ampel, das Aufsetzen der Sonnenbrille, die Kälte der Türklinke im Winter und ein Windhauch am Strand - werden dem Leser in den kürzeren Gedichten wie filmische Miniaturen vor Augen geführt. So genau sind diese kunstvollen Clips gearbeitet, dass sie jedem erscheinen müssen wie die Spiegelung eigener Lebensmomente. Dennoch ist danach nichts wie zuvor. Zunächst kaum merklich, wendet Nendza diese Bilder mit dezenten, feinsinnigen Bewegungen unter den Augen des Lesers, sodass sich mehr und mehr eine andere Welt, die des Politischen, des Historischen, der Philosophie offenbart. „Später“, so heißt es mit Bezug auf den Titel bezeichnenderweise erst am Ende des zweiten Teils, „blenden Scheinwerfer auf vom Hügel gegenüber, häuten / die Serpentine, und wir sehen uns wieder in einer Renaissance // des Lichts“. So beeindruckend ist die Anzahl der Bilder, die sich dem Leser dauerhaft einprägen, dass es verlegen macht, ein einzelnes davon herauszuheben.
Nendza beherrscht auch im Formalen eine breite poetische Klaviatur, die er gekonnt und gleichermaßen leicht zum Klingen bringt. Die Formenvielfalt hat gegenüber den früheren Bänden noch deutlich zugenommen. Die vier Zyklen des Mittelteils korrespondieren mit den kürzeren Poemen der beiden anderen Teile: Letztere sind durchgängig Weltmomente der Poesie, in die in den komplexen Zyklen überführt werden in großflächige Tableaus, in denen ältere und jüngste Geschichte eingeholt sind für unsere Gegenwart. Nichts Antiquiertes eignet diesen Versen, wohl aber eine Renaissance präziser Bildlichkeit. Und das dürfte richtungsweisend sein.
Christoph Leisten
Jürgen Nendza: Haut und Serpentine. Gedichte. Landpresse Verlag 2004, 17 ¤. ISBN 3-935221-35-5.