Robert Gernhardt / Klaus Cäsar Zehrer: Hell und schnell
10.05.2004
Sonderweg zur Hochkomik
In ihrer Sammlung von 555 komischen Gedichten aus fünf Jahrhunderten zeigen die Herausgeber Robert Gernhardt und Klaus Cäsar Zehrer, dass der gedichtete Humor vor nichts zurückschreckt.
„Unnütz lyrisches Gesinge,
Unnütz lyrisches Geklinge
Gehst Du mir nicht aus dem Sinn,
Schreib´ ich auf´s Papier Dich hin.“
Getreu diesem Motto von Friederike Kempner handelten unzählige deutsche Dichter im langen Lauf der Jahrhunderte und bewiesen damit recht eindrucksvoll, dass Humorlosigkeit selbst hierzulande nicht genetisch bedingt ist. Trotzdem haben Robert Gernhardt und Klaus Cäsar Zehrer einige Jahre damit verbracht, aus dem komischen Talent ihrer Kolleginnen und Kollegen jenen druckreifen Extrakt herzustellen, der dem geneigten Publikum nun als literarisches Best Of präsentiert wird.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen. 555 Gedichte – von über 200 Autoren aus fünf Jahrhunderten – zeigen, dass der gedichtete Humor vor nichts zurückschreckt. Weder vor politischem Bewusstsein noch vor blanker Albernheit, und selbst unfreiwillige Komik hat im Land der Dichter und Denker eine luxuriöse Zuflucht, wie Johannes R. Bechers „Auf das Spiel einer Fußball-Mannschaft“, Hans-Hubert Vogts (!) „Ein bißchen mehr Friede ...“ oder das Geklinge von Frau Kempner uns überzeugend vor Augen führen.
Dass Gernhardt und Zehrer sich nicht auf die Herausgabe einer chronologisch geordneten Lyriksammlung beschränkt und auch unbekannte oder szeneträchtige Verseschmiede berücksichtigt haben, kommt dem Gesamtprojekt der „Stiftung Lyriktest“ zweifellos zugute. Denn die Unterteilung in komische Klassiker, Höhepunkte komischer Dichtung, Parodien, Sprachspiele, Gesangstexte und Kuriositäten trägt der mutmaßlichen Unmöglichkeit Rechnung, die über 600 Seiten starke Sammlung am Stück zu lesen.
In speziellen Fällen lohnt allerdings ein Blick auf die Kurzbiographien der vorgestellten Autoren, die von Gernhardt und Zehrer mit viel Liebe zum unerfreulichen Detail versehen wurden. Gleichermaßen ergiebig ist die Lektüre von Vor- und Nachwort, denn beide gehen der Frage nach, inwiefern ausgerechnet das Gedicht „ein deutscher Sonderweg zur Hochkomik“ war.
Thorsten Stegemann
Robert Gernhardt / Klaus Cäsar Zehrer: Hell und schnell. 555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten. S. Fischer 2004, 24,90 ¤