Hart Crane: Die Brücke
12.07.2004
Lyrische Verheißung
Ein wenig bekanntes Monument moderner amerikanischer Poesie liegt erstmals auf Deutsch vor: Hart Cranes grandioser Gedichtzyklus Die Brücke. Mit Walt Whitman und T. S. Eliot im Background besingt Crane vielstimmig amerikanische Mythen und Geschichten.
„Nach dieser Perfektion des Todes ist keine Bewegung mehr möglich“, raunt der 23-jährige New Yorker Dichter Hart Crane Anfang der 20er Jahre in Brooklyn. Er bezieht sich damit auf das long poem Das wüste Land seines in England lebenden Landsmanns T. S. Eliot, das gerade erschienen ist und einen Meilenstein moderner angloamerikanischer Poesie setzt. „Keinem, der heute Englisch schreibt, schulden wir größeren Respekt als Eliot. Allerdings“, so Crane weiter, „nehme ich Eliot als einen Ausgangspunkt für eine fast vollständige Richtungsänderung.“
Antwort auf Eliots Wüste
Nicht mehr auf Europa, sondern auf die eigene, die Neue Welt richtet Crane seinen Blick. Von Eliots poetischer Innovation begeistert, stoßen dessen pessimistische Kulturkritik, die Fixierung auf eine sinnentleerte, tote Gesellschaft und die Anrufung Gottes bei ihm auf Ablehnung. Die Brücke wurde 1930, wenige Jahre vor Cranes tragischem Selbstmord (er sprang angetrunken über die Reeling eines Atlantikdampfers, der ihn von Frankreich zurück in die Heimat bringen sollte), publiziert. Der aus 15 Einzelgedichten bestehende Gedichtzyklus, der nun von Ute Eisinger mutig übertragen erstmals in deutscher Sprache vorliegt, ist der schillernde Versuch einer amerikanischen Antwort auf Eliots europäische Wüstenlandschaft.
Cranes Gewährsmann ist Walt Whitman, der in seinen „Grashalmen“ nach dem wahren Dichter Amerikas rief und ein hoffnungsvolles Bild des neuen Kontinents malte. Crane beschwört das ureigene Erbe: Mythen, Geschichte und Literatur Amerikas. Die lyrischen Gesänge tragen jeweils einen ganz spezifischen Ton und wechseln Räume, Zeiten und lyrische Sprecher. Mal bilden sie den Rhythmus von Jazz, Gospel und Blues nach, mal erinnern sie an Balladen oder alte indianische Gesänge, mal karikieren sie die Sprache der Reklame oder übernehmen Bilderwelten von Poe und Melville.
Indianer, Walfahrten und Jazz
In der Struktur von Jahreskreisläufen und Lebensaltern verwebt Crane die großen Erzählungen Amerikas in ein faszinierendes, aber nie unkritisches Ganzes: das Leben der Ureinwohner in der Vorzeit, die Entdeckungsreise des Kolumbus, die Westbewegungen der Siedler und die Vernichtung der Indianer, die Geschichten von Pocahontas und Rip van Winkle, die großen Walfahrten, der Flugzeugbau, die Wall Street, der Jazz.
In der Gegenwart der 20er Jahre, in die Crane immer wieder springt, sieht er einen entfesselten Kapitalismus, der Mythos und geistiges Vermächtnis missachtet. Die titelgebende Brooklyn Bridge steht dem als Sinnbild eines sinnstiftenden, brückenschlagenden Zusammenhangs entgegen, eine Synthese aus Altem und Neuem, die er mit seiner Literatur schaffen will, ohne die Vielfältigkeit der Realität zu diskreditieren.
Cranes poetisches Programm ist eine neue Sicht auf das Überkommene, die alte Symbole und Metaphern umbenennt, bewusst syntaktische Regelverstöße begeht. Bisweilen gerät der Text dadurch etwas hermetisch. Zusätzlich flicht er poetologische Reflexionen und autobiografische Details über seine Homosexualität in den Text. Die Brücke, von der Literaturgeschichte lange schmählich übersehen, ist eine atemberaubende lyrische Verheißung Amerikas.
Mathias Schnitzler
Hart Crane: Die Brücke – The Bridge. Aus dem amerikanischen Englisch von Ute Eisinger.
Jung und Jung 2004.
Gebunden. 167 Seiten. 22 Euro.
ISBN 3-902144-71-8.