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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:38

 

Albert Ostermaier: Solarplexus

16.09.2004

 
Atemnot

In seinem neuesten Gedichtband lässt Albert Ostermaier, wie gewohnt, die Sprache von der Kette. Man möchte ab und zu ein Pause. Doch nichts da: jeder Schlag trifft und sitzt und nimmt die Luft.


 

Die Monotonie ist die Verbündete des Beamtenstandes. Und schon Nietzsche hat die ewige Wiederkehr des Immergleichen konstatiert. Blättert man durch Albert Ostermaiers neuesten Gedichtband, erreicht einen sofort ein signifikantes optisches Leitmotiv: alle Gedichte sehen gleich aus. Sicher, sie variieren in der Länge. Vom seitenverschlingender Monstrum bis hin zum hin zum prägnanten Achtzeiler ist so gut wie alles vorhanden. Doch ein Merkmal weist alle als miteinander verwandt aus: die Zeilenlänge. Nicht, dass hier die Silben oder Hebungen abgezählt wären. Das jeweilige Metrum schießt über die Zeilen hinaus. Allein die rein optische Länge der Zeilen ist so gewählt, dass jedes Gedicht für sich wie ein erratischer Block wirkt, unverrückbar, aus Stein gehauen. In ihrer Gesamtheit bilden die Gedichte auf diese Weise eine Kette von Blöcken, ein ganzes Säulengebilde, das, ohne dass man auch nur ein Wort gelesen hätte, eine entschiedene Autorität und Härte ausstrahlt.

Gedicht ist gestaltete Sprache. Und wir haben es hier rein äußerlich ohne jeden Zweifel mit einer künstlich angefertigten Form zu tun. Was Ostermaier nun aber in dem rigiden Rahmen, den er sich selbst geschaffen hat, ausführt, ist genau das, was man von Gedichten – auch – erwarten kann: eine nicht bloß veranschaulichte, sondern erfahrbare Lebendigkeit.
Hoch- und Umgangssprache greifen ineinander. Mal dominiert die eine, mal die andere. Wie dem Dichter das Maul gewachsen ist, so spricht er, möchte man meinen, doch ganz so einfach ist die Sache nicht.

Ostermaier setzt Sprechinstanzen ein, die ihren jeweils eigenen Gestus aufnehmen und erfüllen (manchmal auch unterlaufen). Rollenprosa würde man das, etwas abschätzig vielleicht, nennen, doch es handelt sich hier ja um Gedichte. Und bei Gedichten ist naturgemäß alles viel komplizierter. Ihre Dichte und der enge Raum, mit dem sie auskommen und auf dem sie stattfinden müssen, lassen sie unter erschwerten Bedingungen an den Start gehen und führen gleichzeitig zu erhöhter Konzentration und Komprimierung des Materials.
Bei Ostermaiers Gedichten wird dies nun besonders augenfällig. Gehetzt und getrieben agieren die Protagonisten in ihnen. Flucht, strapaziöse Reisen, das ewige provisorische Hotelzimmer: die äußeren Umstände verlangen den Figuren Prägnanz und Kürze ab. Das Unterwegssein, das Nicht-Zur-Ruhe-Kommen erweist sich sowohl als Triebfeder als auch als Ziel einer jeden (Sprech)Aktion. Und selbst in Situationen, die eine gewisse Ruhe implizieren, erweist sich das Getriebensein als unterschwelliger Motor aller Äußerungen und Handlungen. In dem Gedicht „last man sitting“ sinniert ein einsamer Trinker über die Situation, in der er sich befindet. Das hört sich dann so an: „den anderen hat man den/ laufpass gegeben aber ich/ trinke nicht allein ich seh/ sie alle noch wie gesagt/ trinken macht die augen/ hell nach mitternacht/ kommen sie wieder und/ ich höre ihre gläser klirren/ den chor ihrer stimmen die/ immer zu laut sind für die/ einsamkeit hinter den/ worten...“ Hier wird einer bedrängt von den Geisterstimmen und –erscheinungen, die auf ihn einprasseln. In die Enge ist er getrieben.

Und ebenso ist der Leser nur allzu oft in die Enge getrieben. Nur atemlos kann er sich aus ihr, wenn überhaupt, befreien. Die Schläge auf den Solarplexus kommen in hoher Frequenz und jeder einzelne von ihnen sitzt. Zwischendurch muss man das Buch einfach aus der Hand legen, Pause machen und durchatmen. Dann bietet es sich an, die beigefügte CD in den Player zu schieben und einfach nur zuzuhören. Denn Ostermaier hat aus einem Zyklus des Bandes ein Hörspiel gemacht. Bewegungsmelder heißt es und dauert vierzig Minuten. Stimmenüberlagerung, eine Atmosphäre hoch angespannter Tristesse. Sie ist schwer zu beschreiben, diese Mischung aus Klangcollage und Krimi noir, im Sessel sitzend lauscht man und findet sich plötzlich abgekapselt von der Außenwelt wieder, ganz im akustischen Körper des Stückes gefangen. Auch hier herrscht Atemlosigkeit, die gleiche drückende Enge wie in den Gedichten. Aber es ist beinahe angenehm, sich dem auszuliefern. Und außerdem gibt es an jedem CD-Player eine Stop-Taste.

Lars Reyer


Albert Ostermaier: Solarplexus
Gedichte. Mit CD.
Suhrkamp 2004; 135 Seiten; 20,80 ¤
ISBN 3-518-41592-1

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