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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:39

 

Paulus Böhmer: Fuchsleuchten

04.10.2004



Die konvulsive Schönheit der Mittelachse

Mit „Fuchsleuchten“ setzt Paulus Böhmer die Provokation seiner langen Gedichte fort.

 

Bedauernswert das Land, das seinen Dichtern die kalte Schulter zeigt, anstatt, wie es andernorts geschieht, den roten Teppich vor ihnen auszurollen. Das Erscheinen jeder neuen Sammlung exorbitant-langer Gedichte vom Frankfurter Schreibtisch Paulus Böhmers hätte jeweils hinreichend Anlass für derartige Honneurs geboten – von Einzelnen (wie etwa Christoph Meckel, Thomas Hettche, Hermann Peter Piwitt, Alban Nikolai Herbst) durchaus überschwänglich gespendet, blieben Böhmer diese bis heute öffentlich versagt. Das verwundert, denn auf der Landkarte der deutschsprachigen Poesie dürfte der 1936 Geborene längst kein Unbekannter mehr sein, und „unauffällig“ ist nicht gerade das Attribut, das seinen Gedichten anstünde. Spätestens seitdem er 1986 mit dem Band Darwingrad hervortrat, ist die absolute Einzigartigkeit seines lyrischen Duktus nicht zu übersehen: Seit den Tagen der Surrealisten, seit dem Tod Rolf Dieter Brinkmanns hat es in Deutschland kaum Gedichte gegeben, die ästhetisch derartig zu schockieren vermöchten, die eine dauerhafte Provokation an alles lyrisch Gewohnte darstellten wie die psalmartigen, von vokabulären wie imaginativen Grenzüberschreitungen gleichermaßen überbordenden, rauschhaften Litaneien Paulus Böhmers. Sein modus operandi ist druckgraphisch die Mittelachse, die allerdings weniger von Arno Holz' „Phantasus“-Versuchen als durch die Eingebungen der amerikanischen Beat-Poeten wie Michael McClure oder Gregory Corso („Bomb“) – den er 1961 in Walter Höllerers Literarischem Colloquium persönlich kennen lernte – auf ihn gekommen ist. Die nicht „fest“ zu stellende, mäandernde Form der Mittelachse garantiert Böhmers Poesie den permanenten Fluss von Bildern, Gedanken, Rhythmen, die endlosen Metamorphosen seines Sprachmaterials. Das Ich ist in diesem Mahlstrom von Assoziationen und aufleuchtenden Epiphanien in der Tat eine unrettbar verlorene Entität, dissoziiert in Myriaden von Wahrnehmungspartikelchen, Außenweltreflexen und Kollisionen mit dem Magma unbewusster Hirnströme.

Gilt Böhmers uferlos anmutendes Projekt des Kaddish, dessen erste umfassende Bilanz 2002 ebenfalls bei Schöffling & Co. erschienen ist (Kaddish I-X), der Vergegenwärtigung von privater wie kollektiver Erinnerung, der lyrisch unkontrollierten Beschwörung einer bis zum Zweiten Weltkrieg hinabreichenden bundesdeutschen Historie, so stimmen die im vorliegenden Band Fuchsleuchten versammelten „kürzeren“ Langgedichte einen Generalbass auf die menschliche Evolution („In the Summertime. Amanda. Amandus. Tod“), unsere unmittelbare Gegenwart („KopfmeinKopf“), auf die zwischen Schrecken, Schönheit und Ekel changierenden Metamorphosen von Liebe und Natur an („NahBlütenNah“), intonieren einen Hymnus auf Heraklits „Alles fließt“ („Wassermusik“) oder auf den Akt artistischer Kreation, der für Böhmer immer auch einen Akt der Destruktion bedeutet, wie aus dem Anfangsgedicht „Zucker in der Weltmaschine oder: Ich bin Botticelli“ hervorgeht: „All das, ein madenähnliches, nervöses, unüberschaubares An- / wachsen von Bildern, Erinnerungen, Eindrücken, Impulsen / drängt, staut sich / an der Schwelle des Bewußtseins, bildet Schwärme, / die plötzlich aufblitzen, plötzlich verschwinden, / nur an den Rändern noch Belichtungsränder ... So ist es Caravaggio, der / die aufgedunsene Wasserleiche einer Nutte / als Modell nimmt für die tote Mutter Gottes. / So ist es die Musik Muddy Waters, / die erzählt, da der Ton noch / im selben Moment vergeht, da er entsteht ...“

Regelsprengende Poetik

André Bretons enigmatischer Satz am Schluss seines Romans Nadja, dass die Schönheit „konvulsiv“ sein oder nicht sein würde, scheint Böhmer als Vorgabe seiner regelsprengenden Poetik zu dienen – wie wir es bei ihm überhaupt mit einem eigenwilligen Fortsetzer und Überbieter des surrealistischen Impulses nach Entriegelung der Sinne zu tun haben. Ekstatisch wie seit Dalí, Eluard, Aragon und Henry Miller nicht mehr feiert Böhmer den weiblichen Eros als Schoß dichterischer Inspiration: „Vags sind Sumoringer, / weiß, träge wie Engelszungen und plötzlich / schnappen sie zu, sind Pumphosen / mit fleischigen Innereien, Patchwork / aus Krampfbeuteln, Sehnen, Reflexen, / unter Rouge und Rosé, Gold-Pizzicati, Blüten- / und Jacquard-Mustern die Naht, die / die Spannung hält zwischen Verschwinden und Allmacht ...“ Der Surrealismus ist für Böhmer jedoch nicht historische Reminiszenz an eine erschöpfte Avantgarde, sondern poetisches Gebot der Stunde, praktische Handreichung zum dérèglement für den die Hypertexte des Hier und Jetzt durchstreifenden Dichters. Wie ihm das gelingt, demonstriert am besten jenes dämonisch angehauchte Wort vom „Fuchsleuchten“, das in keinem Duden enthalten ist und ein nordlichtartiges Phosporeszieren von Pilzen oder abgestorbenen Baumstämmen (englisch: „foxfire“) zu meinen scheint („Pilze / senden Fuchsfeuer aus“). Böhmers „Fuchsleuchten“ ist so nicht nur der Horst überraschender, neuartige Vorstellungswelten gebierender Komposita wie „Nirwanamuffe“, „Pharaonenziest“, „Protuberanzenwurz“, „Muldenduce“, „Katangaflade“, „Peepshowquaste“ usw., sondern auch Konstellationsort eines durch poetische Ent-Rückung und die sinnliche Hingabe des Poeten lustvoll gesteigerten Gegenwarterlebens: „Ein helles Sommerkleid ... ist ein Gebet der Hautlinie ... ist ein Strom von Duftstoffen ... ist das Gespräch der Bakterien / ist die Schwester der Scham die Tochter der Amygdala ist / das Kommen das Gehen der Begehrten der Nichtbegehrten / ist die cremefarbene Schwanzspitze der Katze ist die Eiweiß- / Sulamith ist die Nabelschnur-Sulamith ... ein König Drosselbart eine Ballade ein Wachtraum / ist Dein Gesicht und kein Vor kein Nach nur Hier.“

Jan Volker Röhnert


Paulus Böhmer: Fuchsleuchten.
Verlag Schöffling & Co., Frankfurt a.M. 2004,
Gebunden. 144 Seiten. 19,90 ¤.
ISBN 3-89561-127-1.

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