Franz Mon: Freiflug für Fangfragen
01.11.2004
Aus dem Museum der experimentellen Poesie
Der zweite Band der Reihe Klangzeichen, in der Michael Lentz alte und neue Texte von Klassikern der Lautpoesie präsentiert, eröffnet einen multidimensionalen Raum mit den Arbeiten von Franz Mon, einem der wichtigsten deutschen Vertreter aus der ersten Phase der experimentellen Literatur.
Alphabettexte haben sich längst als eine eigene Textsorte etabliert. Ob man nun Ernst Jandls wohl populärstes Gedicht ottos mops nimmt oder Inger Christensens opus magnum Alfabet, George Perecs Roman Les revenentes oder das Gülden ABC von Matthias Claudius: Zahlreiche Autoren verwenden das Alphabet als formales Prinzip oder konstruieren ihre Texte unter der bevorzugten Verwendung eines Buchstabens. Aufgrund der Vielzahl solcher Sprachspiele ist weniger die Tatsache bemerkenswert, dass nun auch Franz Mon ein solches literarisches Kunststück verfasst hat. Interessant ist vielmehr, wodurch sich seine Alphabetgedichte von anderen Texten dieser Art unterscheiden.
Disparates Wortmaterial
In den Gedichten von Freiflug für Fangfragen werden nicht die Stilmittel der Alliteration oder des Monovokalismus mit einer Form der Erzählung verbunden, wie dies etwa bei Jandl häufig der Fall ist, sondern das disparate Wortmaterial verhindert von vornherein eine mimetische Lektüre. In Versen wie „hühneraugen / hospitierten / hilfsbereit am / hebelgalgen“ entspricht zwar die Syntax völlig der Alltagssprache, aber die Bedeutungen der Wörter lassen sich nicht zu einer einheitlichen Szenerie zusammenfügen. Beim Lesen entsteht eine gewisse Komik aus diesem Nebeneinander von normalerweise nicht Zusammenpassendem.
Franz Mon beschränkt sich zudem in seinen Alphabetgedichten nicht auf eine Übersteigerung der Alliteration in konventionell gebauten Sätzen, sondern verwendet auch ellipsenhafte, gleichmäßig strukturierte Formen. Listengedichte finden sich ebenso wie Palindrome. Das verwendete Wortmaterial setzt sich zu einem großen Teil aus Fremdwörtern und Eigennamen zusammen, wobei manchmal jedoch gerade die unscheinbaren Partikel eine besondere Rolle spielen. Insgesamt gesehen kommt allerdings während der Lektüre manches Mal der Eindruck auf, ähnlich konstruierte Texte bereits in Franz Mons letzter Veröffentlichung Wörter voller Worte (Verlag Klaus Ramm, 1999) oder aber – mit einigen Abweichungen, aber auf den gleichen Prinzipien beruhend – bei anderen Autoren (wie etwa Oskar Pastior) gelesen zu haben. Um die Metaphorik aus dem Vorwort von Michael Lentz aufzugreifen: Es macht Freude, die Partie nachzuspielen, aber man hätte sich auch ein paar neue, überraschende Kombinationen gewünscht.
Visuelle und phonetische Dimensionen
Reizvoll wird es vor allem dann, wenn Mon die Schriftlichkeit in Richtung visuelle oder phonetische Poesie überschreitet. So entsteht der Reiz seiner Versalcollagen aus der eigentümlichen Spannung zwischen Bild und Schrift. Vor dem Hintergrund eines gleichbleibenden Streifentexts (ein Text, der so in Längsstreifen zerschnitten wurde, dass Teile der Buchstaben zwar noch zu erkennen sind, der Text jedoch nicht mehr im herkömmlichen Sinne lesbar ist) steht jeweils ein aus Zeitungsfotos oder -texten ausgerissener Großbuchstabe, wobei das Motiv der Fotos meist deutlich erkennbar bleibt. Zusätzlich zu anderen eingearbeiteten Bild- und Textelementen werden die Versalcollagen am Ende des Bandes in Kontexte einbezogen, die ihrerseits wieder auf die Alphabettexte verweisen.
Einen weiteren Höhepunkt dieses multidimensionalen Gedichtbands stellen die Lauttexte aus den sechziger Jahren dar, die auf der dem Buch beigefügten CD enthalten sind. Darunter befinden sich solche Klassiker der Lautpoesie wie eine frühe Fassung der artikulationen, in der Franz Mon die sprachlichen Veränderungen auslotet, die sich durch allmähliche Verschiebung in der Artikulationsweise ergeben. Ganz anders ist wiederum der Text tu dus aufgebaut, in dem sich mehrere Tonspuren überlagern, so dass – auch durch die Art des Vortrags bedingt – der Eindruck von einander widersprechenden inneren Stimmen entsteht. Diese Aufnahmen lassen erahnen, welche ästhetische Radikalität diese Texte einmal besessen haben und, trotz aller Weiterentwicklungen dieser Art von Literatur durch jüngerer Autoren, die teilweise in ganz andere Richtungen tendieren, auch heute noch besitzen, gerade auch im Vergleich zu vielen modischen Formen der spoken word poetry. Und es ist das Verdienst von Michael Lentz und der edition selene, nach dem Bob Cobbing gewidmeten ersten Band der Reihe Klangzeichen nun einen weiteren Hör- und Sehraum in diesem Museums der experimentellen Poesie eröffnet zu haben.
Carsten Schwedes
Michael Lentz (Hg.): Klangzeichen Band 2:
Franz Mon: Freiflug für Fangfragen. 103 Alphabetgedichte mit 26 Versalcollagen und 1 CD mit Lauttexten seit 1960; edition selene, Wien 2004; 172 S., 28,80 ¤; ISBN 3-85266-246-X