Gleich vorweg: Wer keine Zeit hat, sollte besser die Finger von der Lyrik Friederike Mayröckers lassen. Mal eben in der Hoffnung reinzuschnuppern, sich gierig den Duft einer wohlriechenden, für den eiligen Konsumenten parfümierten Literatur in die Nase saugen zu können, führt zur Resignation oder vielmehr noch zu der niederschmetternden Erkenntnis, dass man diesen Arbeiten so gar nicht gewachsen ist, dass sie für den schnellen Blick zu spröde und resistent sind und damit keine präzise und angemessene Erkenntnisgrundlage bieten.
Prinzip der „Zersplitterung“
Das liegt vor allem am Prinzip der „Zersplitterung“, mit dem Friederike Mayröcker alles, was ihr die Sinne oder der Verstand an konkreten und abstrakten Materialien zugänglich macht, in der Isoliertheit der Wahrnehmung oder des Gedankens belässt, quasi atomisiert in den Vers zu den anderen Bruchstücken bettet und so schließlich dem Leser die reizvolle, ergiebige und doch auch anstrengende Arbeit überträgt, sich aus diesen Splittern eine eigene Wirklichkeit zu bauen. Warum auch nicht? Ist unser Blick auf die Welt nicht vor allem durch Vereinzelung, durch Zusammenhanglosigkeit, durch fehlende Kohärenz geprägt? Ist nicht jede Geschichte bereits fragwürdig, weil hier literarisch zusammenwächst, was im wirklichen Leben vielleicht gar nicht zusammengehört?
Vergangenes im ZitatMit den Splittern verbinden sich auch die Zitate, die in den Arbeiten verwendet werden und die häufig, aber nicht immer, durch Anführungszeichen oder andere Drucktypen kenntlich gemacht sind. Auch sie wirken wie hineingepuzzelt in den Text und ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, da sie so offensichtlich den Akt des Sichaneignens von fremden Sprachpartikeln anzeigen. Wer spricht da gerade? So könnte man fragen, und doch ist klar, dass die Sprache des lyrischen Ichs sich aus den verschiedensten Stimmen zusammensetzt, die sich gleichzeitig abstoßen und anziehen und die in den unterschiedlichsten Momenten geäußert wurden. So schimmert in diesen Sprechweisen so etwas wie Geschichte, oder vorsichtiger ausgedrückt, gelebtes Leben durch - doch nur bruchstückhaft als ein Teil einer Wirklichkeit, die es zu entwerfen gilt.
Avanciert und frei
Jedes einzelne Gedicht appelliert unaufdringlich an die Phantasie des Lesers, die in den Texten wohnende innere Gravitation wirken zu lassen und die Bezugsfelder zu entdecken, um die sich die verschiedenen Materialien gruppieren. Das Gedicht „Aus der Tiefe“ lautet so:
Mit dieser Überbürde süsz und herz-zäh wie Blumen
(ein einsamer Wassertropfen im schwarzen Ziehbrunnen schwebender Wolken
eine seidene Monsterprozession schnurgerader sonniger Ameisen
eine endlose Strasze bei Nacht
eine fremde Begrüszung über bernstein-fragenden Tieraugen
Gewaltsames leiden die verkerbten Steine von Stonehenge
ein grausiges knarrendes Feld unbändiger Steinheere
horizontal-massige Gehege
harte Gevierte aus Luft
Versunken wie Wasser blaszblau ein geahntes gepfähltes Paradies
ein schwimmendes graues Paradies von Wolken gestützt
preisgegeben dennoch : der heimsenden Tiefe
den fischblauen Kanälen den verwirrenden Stegen und Katzen-Brücken
den Morgendämmerungen) beweint bekränzt..
Eine große gedankliche Freiheit wird dem Lesenden hier zugetraut, die noch durch die Tatsache gestützt ist, dass Friederike Mayröcker in vielen Gedichten auf durchgängige Vorschriften bezüglich der Verslänge, der Rhythmisierung oder der Strophenform verzichtet. Mitte der sechziger Jahre sind Arbeiten entstanden, die sich so unbekümmert und lustvoll über die tradierten lyrischen Mittel hinwegsetzen, dass man die Glaubwürdigkeit immer noch spüren kann, mit der sie ihr Konzept einer avancierten, sich immer wieder selbst auf den Prüfstand stellenden Literatur vertreten hat. Der von Marcel Beyer herausgegebene Band versammelt Gedichte aus den Jahren 1939-2003. An den späten Arbeiten wird ersichtlich, dass die Dichterin in der letzten Zeit – wenn man so will – geschlossener und zugänglicher schreibt. Erkennbar auch der starke Einfluss von autobiographischen Eindrücken, der vermutlich nicht zuletzt durch den Tod ihres Lebensgefährten Ernst Jandl noch forciert wurde.
Ein monumentales Unterfangen
„Gesammelte Gedichte“ wirkt durch den Umfang von gut 850 Seiten bereits monumental; verstärkt wird dies nur noch durch die Entscheidung, die Arbeiten von ihrer Zugehörigkeit zu den einzelnen Sammlungen zu lösen. Allein das Alter eines jeden Gedichtes entscheidet also über den Platz in diesem Teil der Werkausgabe. Wuchtig wirkt dieses Unterfangen, und schnell wird deutlich, dass eine chronologische Lektüre nicht unmöglich, wohl aber kräftezehrend ist. Im Übrigen macht der Titel ja schon deutlich, dass man mit diesem Buch etwas nahezu Definitives erwirbt, auf das man zurückgreifen kann in der lyrischen Not, in schlimmen Zeiten also, in denen diese lyrischen Besonderheiten vielleicht einmal fehlen werden.
Thomas Combrink
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Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte. 1939-2003.
Herausgegeben von Marcel Beyer.
Suhrkamp 2004
856 Seiten. Gebunden. 27,80 Euro.
ISBN 3-518-41631-6