Männer mögen Gedichte. Männer mögen's darin schwer. Männer haben Träume. Männer borgen sich einen, zur Not. Männer bebildern wortschwallig ihr Innerstes im Äußeren ab.
Durs Grünbein ist einer von ihnen. Der gepriesene (Büchner-Preis 1995), sprachgewandte Lyriker stößt ins Wortreich der poetischen Verklärungsliteratur vor. Wie man liest: "Erklärte Nacht". Zwar schönbe(o)rgte er sich etwas aus dem Musikschatz des Zwölftöners ("Verklärte Nacht"), sonst ist er aber hauptsächlich im italienischen Ambiente vertieft. Schweift auch ab, ins arabische, ins heute, in die brutale, vor nichts (mehr) haltmachende Wirklichkeit. "September-Elegien" tastet zaghaft (Wie soll man sich dem auch lyrisch nähern?) zu den Ereignissen des 11. September 2001. Es ist die Sprachlosigkeit angesichts dieses Ereignisses, die Grünbein in Worte fasst, ohne die Augen zu verschließen. Da muss einer wie er sogar das Wort Krieg in die Zeilen hinein lassen: "In den Straßen der Garküchendunst riecht nach frischem Krieg."
Venedig, die Toskana, Assisi. Im Land der blühenden Zitronen fühlten sich deutsche Gedichtmänner meistens heimisch, so weit fort vom Heimischen. Will man das heute noch lesen? Ist Sprache, besonders die deutsche, dann gedichtkompatibel, wenn sie in der Ferne rastet und aus der Ferne zurückfedert? "Es gibt kein etruskisches Jammern" heißt es an einer Stelle. Etrurien ist doch so weit weg, was will ein moderner Mensch, dazu noch ein Dichter, denn da? Die Antwort: "Jetzt heißt das Grußwort Okay." Alten Marmor besingen, das erwartet man nicht unbedingt von einem Lyriker des Jahrgangs 1962. Das geht auf den Nerv, im Laufe der Lektüre, das ist alles schon so oft gesagt worden, das reicht jetzt. Die dazwischen geschobenen Brocken aus der Jetztzeit federn den altmodischen Sprachduktus nur sporadisch ab. Das mag alles sehr erhaben, kunst- und kulturvoll sein. Aber das ist alles zu sehr rückwärtsgewandt formuliert. Obwohl selbstredend die gute Absicht bestand, das, was mit uns passiert, erklärbar zu machen. Nach Grünbein versteht es wahrscheinlich niemand besser.
Es empfiehlt sich daher, den einundneunziger Grünbein zu lesen: "Schädelbasislektion". Da sezierte er ohne italienischen Beigeschmack.
Klaus Hübner
Durs Grünbein: Erklärte Nacht. Gedichte.
Suhrkamp Verlag. 2002.
Gebunden. 151 Seiten. ¤ 18
ISBN 3518413058