Rosafarben leuchtet der Buchumschlag ins Blickfeld, die rote Rose im Zentrum führt möglicherweise in eine falsche Richtung. Denn so Rosa der Atem des Dichters ist, so wenig offenkundig romantisch sind seine Verse. Dem steht als Bollwerk vor dem Ich ein Maß an Kitsch und Trivialität gegenüber, das eins ist mit von Praunheims Art, Probleme des Zusammenlebens zu thematisieren und zu kommentieren.
Als Lyriker trat der Filmemacher, Maler und Schriftsteller Rosa von Praunheim, bisher öffentlich nicht ins Rampenlicht. Im Scheinwerferkegel stehen vielmehr Filme wie „Die Bettwurst“ (1970) und „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) und Bücher wie „Sex und Karriere“ (1976) oder „50 Jahre pervers“ (1994). Gleichwohl entstanden die ersten Verse bereits um 1960 herum, als von Praunheim in poetischer Schwelgerei seine damaligen besten Freundinnen bedichtete. Gerade sechzig Jahre alt geworden und ein Leben lang für die Rechte der Homosexuellen gekämpft, scheint dieser Gedichtband ein Rückzug ins Private zu sein. Scheint. Das Buch nämlich ist eine Offenlegung seiner Psyche in versteckter Form. Er will, und doch wieder nicht.
Brünstige Texte, nonsensgetränkte, naive Zeilen, hocherotisch und tief gestapelt, unkonventionell, gegen alle Regeln, aber mit Herzblut und Lust am Wort. Viele Gedichte tragen, mehr oder weniger als Titelzeile, ein Tagesdatum. Die kurzen Texte überraschen mit satirischem Unterton, einer unverblümten Sprache und einer Art Eingebung des Augenblicks.
Auf seiner Homepage steht: „Als Holger Mischwitzky 1942 in Riga, Lettland, geboren. Aufgewachsen in der DDR am Rande von Berlin in Teltow-Seehof. 1953 mussten die Eltern flüchten und siedelten sich über Umwegen in Frankfurt am Main an, wo wir im Stadtteil Praunheim wohnten.“ Sein Name also eine Verfälschung, sein Leben nicht, was sich in vielen öffentlichen Auftritten zeigte.
Abschied, ein Thema, das lyrisch oft verarbeitet wurde, bedeutet für von Praunheim Schmerz und Verlust. In mehreren Widmungsgedichten („Für Andreas“, „Für Billy“, „Für Chris“) personifiziert er den Zustand zwischen dem Nicht-mehr und Noch-nicht. Stationen einer Existenz, die in der Rückschau nicht zweifeln muss. Nach vorne schauen und das dahinter liegende nicht vergessen – mehr müssen Gedichte nicht hergeben.
Klaus Hübner
Rosa von Praunheim: Mein Armloch. Martin Schmitz Verlag. 2002. Broschur. 120 Seiten. ¤ 14,50. ISBN 3-927795-36-4