Früher, als der Tag noch mit einer Schusswunde begann, schrieb Wolf Wondratschek in „Chucks Zimmer“ Gedichte wie am laufenden Meter. Die jetzt veröffentlichte Sammlung enthält, bis auf eine Ausnahme, Lyrik aus „Die Einsamkeit der Männer“ (1983), „Carmen oder bin ich das Arschloch der achtziger Jahre“ (1986) und „Das Mädchen und der Messerwerfer“ (1997).
Im ersten Gedichtband dominierte der harte Mann, der Macho, dessen Image auch Wondratschek gerne nutzte. In vielen Zeilen erschien der amerikanische Dichter Malcolm Lowry, der dem Alkohol nahe stand. War der ein Vorbild für Wondratschek? Als Dichter zerstörte er in vielen Texten Geist und Seele, lebte Qualen und Leid realistisch vor („Ich, Malcolm Lowry, habe nie gelebt -/das wurde ihm an einem Morgen wieder klar,/als er, ein toter Mann, die letzte leere Bar/verließ wie ein Verdurstender,“).
In epischer Breite vollzog Wolf Wondratschek in „Carmen...“ autobiografische Salti mit einer Selbstbezichtigungsattitüde, die schon Züge von Totalitarismus am eigenen Ich besaßen und ungeschminkte Hilferufe an die Weiblichkeit. Die abgeklärte Muse, die den Weg des Dichters begleitet, Hüften schwingend und Flamenco tanzend, Wort für Wort ins Abseits torkelnd. Der Text wirkt trotz seiner Intimität oberflächlich und anbiedernd an das weibliche Geschlecht. Wie ein Messerwurf trafen dagegen die fünfunddreißig Gedichte im Zyklus „Das Mädchen und der Messerwerfer“ ins Herz, ohne jedoch durchschlagend zu überzeugen. Zwar bemühte Wondratschek sich akrobatisch um Nähe und Gefühl, sprachlich wirkten seine Texte aber eher naiv und kaum inspiriert.
Nun ist er, der ewige Rock- und Poppoet, in die Jahre gekommen (fast 60). Ein Autor erreicht den Vorruhestand. Dazu passend schrieb Wondratschek im Jahr 2001 den Zyklus „Orpheus in der Sonne“. Der älter gewordene Junglyriker straft seine Imagegeber. „Orpheus“ folgt wieder einer Männlichkeitsidee, die nicht neu ist, sondern die Wondratschek in aller Breite durchlebte: „Sie verlassen sich auf Hände,/die reden nicht und hören/nicht lange zu“. Hier zeigt sich deutlich, dass Wondratschek der einsame Einzelgänger im öffentlichen Dichterleben geblieben ist. Ein Mann, der das Leben kennt und die Frauen versteht, ohne ein Frauenversteher zu sein. Das kann den Vorruhestand überdauern. Dieser „Orpheus“ findet im Abgesang auf die Vergangenheit keine Kraft für die Zukunft, sondern hält mit den Rezepten und Ansichten von gestern das Ich zusammen. Orpheus-Wondratschek tritt aus dem Schattenreich ins Licht. Wärme spüren und spüren lassen – kein schlechter Zug im Angesicht erbarmungsloser Kälte.
Klaus Hübner
Wolf Wondratschek: Orpheus in der Sonne. Gedichte. Carl Hanser Verlag. 2003. Gebunden. 144 Seiten. EUR 13,90. ISBN 3-446-20280-3.