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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:42

 

Martina Weber (Hg.): Zwischen Handwerk und Inspiration

13.01.2005


Ein Fundament bauen

Ein sehr gelungenes und anspruchsvolles Buch, das Einsteigern und Fortgeschrittenen, die an ernsthafter und selbstkritischer Weiterentwicklung interessiert sind, eine wertvolle Orientierungshilfe sein kann.

 

Eine eigenständige lyrische Stimme entwickelt sich nicht aus sich selbst, sondern ist Produkt jahre- und jahrzehntelanger leidenschaftlicher, selbstkritischer und neugieriger Auseinandersetzung mit dem Sujet. Dass engagierte Lyriklektüre in Gedichtbänden und poetologischen Essays den Blick und die Intuition für das Wesentliche schärft, zeigt Martina Weber in ihrem im Federwelt Verlag erschienenen Autorenratgeber „Zwischen Handwerk und Inspiration – Gedichte schreiben und veröffentlichen“, der sich an all jene wendet, die ernsthaft an ihrer Lyrik arbeiten und eine eigene poetische Schreibweise ausbilden möchten.

Kann man lernen, Gedichte zu schreiben?

Zumindest könne man den Blick auf Gedichte schulen, schreibt die Herausgeberin in ihr Vorwort und bringt dort die Überzeugung zum Ausdruck, daß, wer nachhaltige Gedichte verfassen wolle, zunächst ein tragfähiges Fundament errichten müsse. Nur aktive Auseinandersetzung mit der Materie sorge dafür, daß sich das Wissen um die Grundlagen im Unterbewußtsein verankere und von dort das Schreiben intuitiv beinflusse.

Joseph Brodsky brachte ähnliches auf den Punkt: „Um einen guten literarischen Geschmack zu entwickeln, gibt es nur den einen Weg – Lyrik zu lesen.“ Natürlich läßt sich über Geschmack trefflich streiten. Auch ist es eher zweitrangig unter welchen Umständen Gedichte gelesen werden. Alles hängt aber davon ab, „wie viele und welche Gedichte man vorher zu sich genommen hat“ (Maximilian Zander). Und einiges eben auch davon, ob und inwieweit man mit den handwerklichen Grundlagen vertraut ist. Zwar macht auch die Lektüre von „Zwischen Handwerk und Inspiration“ den Leser nicht automatisch zum originären Dichter, das Buch kann aber zur gesunden Selbsteinschätzung sensibilisieren, wenn man erkennt, daß die literarische Welt nicht auf einen gewartet hat und daß es Talent, Disziplin, Leidenschaft und viele Jahre braucht, um sich ins Bewußtsein der dichtenden und Gedichte lesenden Gegenwart zu schreiben.

Zwischen Handwerk …

Wenn es beim Schreiben an Inspiration fehlt, vermag handwerkliche Finesse zuweilen über Durststrecken hinwegzuhelfen und die Entstehung eines gelungenen Gedichtes zu fördern. Mangelt es hingegen an manueller Fertigkeit, reifen inspirierte Gedanken noch lange nicht zu inspirierten Verszeilen heran. Diesem Umstand angemessen, befaßt sich der Lyrikratgeber, der 1966 in Mannheim geborenen und heute in Frankfurt lebenden Herausgeberin, ausgiebig mit den wesentlichen Lyrikgrundlagen und zeigt dabei auf, daß fesselnde Literatur, zumal Lyrik, aus einer ausgewogenen Mischung aus Inspiration und Transpiration besteht. Martina Weber nimmt in gut und nachvollziehbar geschriebenen Artikeln die grundlagenfördernde Basisarbeit selbst vor und teilt dabei das Buch in die Abschnitte „Lyrik schreiben“ und „Lyrik veröffentlichen“ auf. Der Leser erfährt über eine Distanz von 205 Seiten viel Einleuchtendes darüber, was ein gutes Gedicht ausmacht sowie eine Annäherung daran, wie man es schreibt. Der Zeilenbruch wird ebenso erläutert, wie Metapher, sprachliche Klangelemente, Metrum und Rhythmus. Auf insgesamt fünfundzwanzig Seiten erhalten neugierige Leser zudem eine nicht umfangreiche, aber doch exemplarische Zusammenstellung weiterführender Publikationen zu Handwerk, poetologischen Aspekten, Anthologien, Zeitschriften, fremdsprachiger Lyrik und Lyrikgeschichte. Abgeschlossen wird das Buch durch einen etwa fünfzig Seiten umfassenden Abschnitt mit Informationen darüber wie/wo man Gedichte anbietet und wie/wo besser nicht. Anmerkungen zu Verlagsuche, Wettbewerben, vertragsrechtlichen Belangen und eine umfangreiche Aufstellung Lyrik publizierender Verlage sind ebenso enthalten und runden den praktischen Teil ab.

… und Inspiration

Weil handwerkliche Kenntnis alleine noch kein gutes Gedicht macht, hält „Zwischen Handwerk und Inspiration“ eine Reihe aufschlußreicher Essays von namhaften Lyrikschaffenden bereit, die im Buch verteilt sind. Sie bereichern es um wertvolle poetologische Facetten, die dem Leser mitteilen, was über die Vermittlung der rein handwerklichen Fingerfertigkeiten hinausgeht. So haben an den Beiträgen von Norbert Hummelt, Kerstin Hensel, Inger Christensen, Kurt Drawert und Anton G. Leitner vor allem jene Freude, die sich schon etwas länger mit Lyrik auseinandersetzen und dabei erfahren haben, daß Gedichte über den reinen Informationswert der Wörter hinaus zwischen den Zeilen selbst dann mit dem Leser kommunizieren, wenn sie dem Verstand seine Grenzen aufzeigen und ihre verschlüsselte Intention auf der Sachebene nicht unmittelbar preisgeben. „Genuine poetry can communicate before it is understood“ (T.S. Eliot) oder: „Jedes dauerhaft brauchbare Gedicht hat etwas, das wir sofort verstehen, und etwas, das wir immer erst noch verstehen müssen“ (Norbert Hummelt) Hierzu trägt unvoreingenommene Lyriklektüre nachhaltig bei, auch wenn der überwiegende Teil des Gelesenen wieder entgleitet und ins Unterbewußtsein absinkt. Dort aber bleibt es erhalten und wirkt bei denen, die empfinden können was Lyrik auf der Beziehungsebene nonverbal mitteilt, als assoziative und affektive Kraft auf eine Weise, die sich nicht vom Verstand vereinnahmen läßt, die aber in den poetologischen Aufsätzen von Dichtern erahnt werden kann.

Daß verschiedene Essays des Buches nicht unveröffentlicht und zudem einige Jahre alt sind, mag jene befremden, die sie bereits anderweitig gelesen haben oder die Wert auf größtmögliche Aktualität legen. Da grundsätzliche poetologische Überlegungen aber nicht altern, solange sie nicht den heutigen Zustand der deutschsprachigen Lyrik zum Gegenstand der Betrachtungen haben, bieten auch etwas abgehangenere Gedankengänge reichhaltige und zeitlose Kost für Neugierige, die ihren Horizont dehnen und die lyrische Sensitivität dadurch schärfen möchten. Inhaltlich mag man sich an den einen oder anderen Haltungen reiben. Sie gehen an, wenn man berücksichtigt, daß es sich um Einzelmeinungen handelt, die keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben können, auch wenn sie so tun als ob.

Wozu dieses Buch?

Leidenschaftslos betrachtet „nur“ ein weiterer Autorenratgeber mit sehr spezifischem Schwerpunkt, der programmatisch keine literarische Lücke schließt. Ein Buch auf das niemand gewartet hat, das aber doch viele benötigen, gibt es im persönlichen Lyrikmosaik schließlich immer einige Steine zu ergänzen. Alleine wegen der Fülle von erstklassigen Zitaten über die Entstehung und die Rezeption von Gedichten ist „Zwischen Handwerk und Inspiration“ ein Gewinn, der die Anschaffung belohnt. Ein sehr gelungenes und anspruchsvolles Buch, das Einsteigern und Fortgeschrittenen, die an ernsthafter und selbstkritischer Weiterentwicklung interessiert sind, eine wertvolle Orientierungshilfe sein kann.

Andreas Noga


Martina Weber (Hrsg.), „Zwischen Handwerk und Inspiration – Gedichte schreiben und veröffentlichen“,
Federwelt Verlag, Söhlde 2004,
Taschenbuch, 205 Seiten, 14,80 EUR,
ISBN 3-934488-30-7

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