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Christian Uetz: Das Sternbild versingt

17.01.2005

Ums Leben, ums Wort

Philosophie und Poesie schließen sich nicht aus. Sie integrieren sich aber auch nicht zwangsläufig, Und schon gar nicht sind sie ein und dieselbe Sache. Christian Uetz scheint das widerlegen zu wollen, und so er schreibt eine Poesie, von der man nicht eindeutig sagen kann, ob es überhaupt eine ist, oder ob es sich bei ihr vielmehr um eine verhinderte Philosophie handelt.

 

Es gibt zweifellos sehr poetische Philosophen, die sehr poetische Philosophien hinterlassen haben. Nietzsche war und ist so einer. Doch obwohl Nietzsches philosophische Schriften immer ein poetisches Hintergrundflimmern aufweisen, trennte der Autor beide Bereiche voneinander ab. Vereinfacht ließe sich sagen: in der Philosophie geht es um den Gedanken, in der Poesie um das Bild. Beide benutzen Sprache. Und schon hier würde Christian Uetz widersprechen.

Denn ihm zufolge benutzt die Poesie nicht Sprache, sie ist Sprache. Oder ist Sprache Poesie? So ganz scheint das nicht zu klären zu sein. „Es geht aber ums Leben, und es kommt vom Wort. Ich komme ums Leben, wenn ich nicht zu Wort komme.“ Leben und Wort stehen hier so eng beieinander, dass sie zu einer Erscheinung, zu einem Ding verschmelzen. Vom Leben, das vom Wort kommt, mag es nur ein kleiner Schritt sein zum Leben, das Wort ist.

Im Anfang war das Wort, heißt es. Der göttlich besprochene Staub erwacht zum Leben. Was hat das mit Poesie zu tun? Vielleicht ist Poesie das Mittel der größtmöglichen Annäherung an einen Zustand, in dem Totes sich zu Lebendigem transformiert. Solche Gedanken werden zumindest bei der Lektüre von „Das Sternbild versingt“ angeregt. Doch die Uetzschn Texte haben ein Problem: sie sprechen alles so offen aus. Wie verklausuliert und satzbauerisch kunstvoll die Gedanken darin auch Gestalt annehmen, es beschleicht einen fast immer das Gefühl, dass hier etwas auf ein Ziel hin vermittelt werden soll. Alles Tasten, alles Suchen nach dem „richtigen“ Wort erscheint letztlich nur als mutwilliger Umweg zum Längstgewussten.

Dabei ist die Liebe des Autors zum Wortspiel und zum Neologismus, wie sie schon im Titel des Bandes aufscheint, ein Faktor unter anderen, der dazu beiträgt, das gedankliche Gerippe der Texte immer wieder offenzulegen. Man könnte von einer skelettierten Poesie sprechen und dies durchaus positiv meinen, wenn nicht das erzwungene Zusammenspiel von – allzu oft seichtem – Witz und (pseudo)philosophischem Duktus solch ein Urteil unmöglich machten. Hier herrscht der Versuch, eine Originalität auf Biegen und Brechen herauszubilden. Dass aus „irgendwann“ „irrgernwann“ wird, mag man noch als geschickte, nicht unkomische Neufindung ansehen. Schlimmer sind da die absoluten Begriffe, mit denen gearbeitet wird und die sich teilweise in ihrer Monumentalität dem unfreiwillig Komischen annähern, wenn sich etwa ein einfacher Eröffnungsvers zur wuchernden Genitivmetaphernmaschine auswächst: „Krank sein und im Bett liegen./ Nicht krank sein und im Bett liegen,/ Die Krankheit Sein im Bett liegen lassen und nicht sein./ Mit der Krankheit des Seins im Nichtsein des Betts liegen und gesund sein.// Im Bett des Nichtseins liegen/ und einander schlafen träumen lieben.“ Das Paul Celan wie selbstverständlich anzitiert und so als autoritativer Gewährsmann ins Feld geführt wird, kann man als regelhafte Randerscheinung werten. Schließlich war der ja auch unverständlich, schließlich hat der ja auch mit großen Worten jongliert. Also was solls.

Mögen das andere gut finden. Ich schalte spätestens dann ab, wenn die neu-erzwungene eschatologische Kategorie der „Herzlichtheit“ im poetologischen Gehege installiert wird.

Lars Reyer


Christian Uetz: Das Sternbild versingt
Gedichte,
edition suhrkamp 2004,
94 Seiten, ¤ 7,00
ISBN 3-518-12376-9



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