Ghérasim Luca: Das Körperecho. Lapsus linguae
31.01.2005
Auf das Wohl des Todes
Noch kennt ihn hier niemand. In Frankreich hat sich selbst Gilles Deleuze seiner angenommen. Die Rede ist von dem 1994 verstorbenen Dichter Ghérasim Luca, dessen Arbeiten in einer umfangreichen und gelungenen Übersetzung jetzt auch bei uns vorliegen.
Ein wirklich eigentümliches und seltenes Buch, das nun erschienen ist, und das uns den in Deutschland bislang unbekannten Schriftsteller Ghérasim Luca näher bringen soll. Luca, der 1913 in Bukarest geboren wurde, dort mehrsprachig mit einem Faible für das Französische aufwuchs, hielt sich bereits vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in den Pariser Kreisen der Surrealisten auf. Als Sohn eines jüdischen Uniformschneiders konnte und wollte er den antisemitischen Anfeindungen in seiner rumänischen Heimat dann nicht mehr standhalten und reiste 1952 über Israel endgültig nach Paris aus. Nicht nur geographisch, auch sprachlich trennte er sich von seiner Vergangenheit – die französische Sprache schien ihm fortan das adäquateste Ausdrucksmittel für seine künstlerischen Bemühungen zu sein. Wirklich heimisch ist er aber auch im französischen "Exil", in dem er über vierzig Jahre ohne offizielle Erlaubnis lebte, wohl nicht mehr geworden. Mit einem Sprung in die Seine nahm er sich 1994 das Leben.
Außergewöhnlicher Aufbau
Was erwartet uns in diesem knapp 800seitigen Band, den man, erstaunlich aber wahr, gar nicht verkehrt herum ins Bücherregal stellen kann. Man kann das Buch drehen und wenden, und doch hält man immer mindestens einen Anfang in den Händen. So wurde konsequent und pfiffig auch im Text selbst an einer bestimmten Stelle der Satzspiegel einfach um 180 Grad geschwenkt, und doch hat man wohl selten ein Buch mit so viel Lust auf den Kopf gestellt. Die Arbeiten von Ghérasim Luca sind nämlich in der Tat eine wahre Entdeckung, und das nicht nur, weil bislang eher wenig von ihm in die deutsche Sprache übertragen wurde. Luca steht in familiärer Nähe zu einer Strömung der deutschen Literatur, die immer etwas schmucklos und nüchtern als die "experimentelle" bezeichnet wird, und deren prominenteste noch schreibende Vertreter vielleicht Friederike Mayröcker, Oskar Pastior und Paul Wühr sind.
Gelungene Übersetzung
Fast wie ein "missing link" muten die Gedichte von Ghérasim Luca an, da sie aufs Intensivste mit den elementaren Bestandteilen der Sprache arbeiten, und diese Elemente schließlich behauen und geschliffen werden, bis sie in einem neuen semantischen, phonetischen oder gar visuellen Glanz erstrahlen. Dabei sind den Übersetzern Mirko Bonné, Theresia Prammer und Michael Hammerschmid dann Lösungen eingefallen, die in einigen Fällen sogar das Original hinter sich lassen. Das in dem französischen Wort "jeu" das Personalpronomen "je" drinsteckt, hat Luca elegant in einem Vers verpackt. Wie läuft es damit aber im Deutschen, denn "Spiel" und "Ich" passen klanglich offensichtlich gar nicht zueinander? In dem Wort "Gedicht" verbirgt sich noch ein "Ich", welches dann auch als eine gelungene übersetzerische Alternative verwendet wurde.
Ergiebige Suche nach den Schwerpunktthemen unserer Existenz
Die Lyrik von Ghérasim Luca (by the way: zwar sind die Texte allesamt als "Gedichte" deklariert worden, doch fällt es schwer, einzelne Arbeiten, die fortlaufend im Blocksatz mit intakter Syntax über die Seite rollen, so zu kategorisieren) entgeht aber dem Vorwurf, dass es sich hier um ein zwar subtiles, aber schließlich doch neckisch-belangloses Spiel mit Sprache handelt, denn in den Texten steckt ein ganz einhelliges Element von Existenzialität. Will man semantische Felder aufbauen, um zu zeigen, um welchen Pol sich die Welt dreht, von der Luca spricht, so müssten diese Felder wohl häufig mit Begriffen wie "Tod", "Angst", "Sexualität" und "Gewalt" überschrieben werden: Die Leere nach vorne beugen / indem man eine Drehung nach links macht / um die Schauder zum Tod zu führen / Zurückkehren in die Ausgangsposition / Die gespannten Ängste behalten / und das Leben so weit als möglich / an den Tod annähern. Gerade diese Mixtur aber, die das Spiel mit der Sprache, die Freude an der Form, mit einem so schonungslos wie realistischen Blick auf die Wirklichkeit verknüpft, macht dieses Buch zu einem ungemein ergiebigen Lektüreerlebnis.
Thomas Combrink
Ghérasim Luca: Das Körperecho. Lapsus linguae. Gedichte.
Französisch und Deutsch. Übersetzt von Theresia Prammer, Michael Hammerschmid und Mirko Bonné.
Urs Engeler Editor. 2004.
Geb. 792 S. 29,00 ¤.
ISBN 3-905591-78-2.