Hätte man ihm gar nicht zugetraut, dem Vieldichter und Zeichner F.W. Bernstein. Was? Dass er Gelegenheitsgedichte reimt oder ohne Reim aus der Feder lässt. Zu mannigfachen Gelegenheiten schwingt Bernstein die Reimkeule, ob es nun ein hymnisches Konvolut an eine Dorle ist oder diverse Hochzeitsgedichte - in lockeren Wortfolgen können sich die Angedichteten geehrt fühlen oder besonders gelobt oder geradezu überschwänglich geliebt. "Viele Verse - ja, fast alle - sind im weiteren Sinne Gelegenheitsgedichte: Sie entstehen mit anderen über andere, für andere."
Das war's noch lange nicht!Kurz und knapp, ohne eine Spur von Zweifel am Inhalt, heißt das Buch Die Gedichte. Die Buchbauchbinde konkretisiert den Umfang der Sammlung: "Die Gedichte: Das heißt in diesem Falle alle." Was aber gar nicht stimmt! Bernstein selbst sagt es im nachwörtlichen Anhang: "Die meisten meiner bisherigen Gedichte sind hier versammelt." Die meisten. Wenn wir unsere buchhalterischen Nörgeleien mal beiseite lassen, so sind dreihundertfünfundvierzig Gedichte doch kein Pappenstiel. Ergo: Nicht quengeln, sondern lesen.
Ein Projekt wie diese Sammlung (und das gilt auch für andere Autoren, die in den Genuss umfassender Retrospektiven geraten) vermittelt leicht den Eindruck: das war's. Nun kommt nichts mehr. Hier wird noch einmal Ehre verteilt, dann ist Schluss mit verlegerischer Aktivität. Weit gefehlt. Einfach in praller Pracht die Masse der Gedichte zwischen zwei Buchdeckel pressen und ab auf die Verkaufstheke damit. Denn Verstreutes, Verlegtes und Vergessenes einmal wieder zum Geiste führen, macht auch Spaß.
Den gibt es bei Bernstein sowieso. Als Mitglied der "Neuen Frankfurter Schule" (Gernhardt, Waechter, Henscheid, Eihlert, Traxler, Poth, Knorr), in den sechziger Jahren aus dem Kreis der "pardon"-Redaktion hervorgegangen, war er für viele zwangsgereimte, frei gereimte und ungereimte Gedichte zuständig. Eine Hochschule der Komik hatte sich in der Mainmetropole etabliert, in der Nachfolge von Adorno und Horkheimer. Die neuen Pappenheimer mit Bernstein nahmen zwar nichts mehr ganz so ernst wie die philosophische Elite, kritisierten aber gleichwohl an der Gesellschaft herum. Auch aus dieser Periode finden sich in dem sechshundertseitigen Konvolut Beispiele. Die legendäre Feststellung "Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche" ist auf ewig mit Bernsteins Namen verbunden und darf auch hier nicht fehlen.
Klein und handlich, aber dick wie ein Kursbuch. Zum Schmökern, Hin- und Herblättern, vom schnellen Kurzgedicht bis zur langen Parabel - der fast komplette Bernstein als Dichter. Mit kleinen Comics und Zeichnungen, die untrennbar mit seiner Wortkunst verbunden sind.
Textprobe:
Ich will heim
Ich komm aus dem Reim
nicht mehr raus
will nach Haus
Klaus Hübner
F.W. Bernstein: Die Gedichte. Antje Kunstmann 2003. Gebunden. 600 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 3-88897-340-6