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Herbert Grönemeyer: Liedtexte und Bilder von 1980 - 2004

07.04.2005

 
"Nichts ist wirklich wichtig"

"momentan ist richtig
momentan ist gut 
nichts ist wirklich wichtig
nach der ebbe kommt die flut".

 

Fortgeschrittene Lyrikarthose oder das Sprachgewissen einer ehrlichen Haut? Was spricht aus diesen Zeilen, die Herbert Grönemeyer für sein 2002er Album "Mensch" ausgesondert hat? Vor sieben Jahren, 1998, erwischte es den Sänger und Songschreiber aus Göttingen, später Bochum: ein persönlicher Verlust funkte ins pralle Leben und machte sprachlos, traurig, wütend. Damals starben sein Bruder und seine Frau Anna Henkel an Krebs. "Mensch" wurde eine Trauerbewältigungsplatte, mit der Grönemeyer seinen Kummer, sein Leid, seine Wünsche in Silben und Verse fasste.

Eine Auswahl seiner Liedtexte aus den Jahren 1980 bis 2004 veröffentlicht Grönemeyer in einem Text/Bildband bei Schirmer/Mosel. Photos des angesagten Popfotografen Anton Corbijn in dezent-unterkühlten Grönemeyer-Ansichten machen aus dem Textbuch eine Lyriksammlung in expressionistischer Formgebung.

In der Rolle des Weltkrieg-II-Leutnants Werner wirkt Herbert Grönemeyer wegen des künstlichen Vollbartes wie ein Schauspieler, der für eine Rolle einen künstlichen Vollbart anlegen musste. Nicht echt, nicht authentisch. In Wolfgang Petersens Spielfilm "Das Boot" spielt Grönemeyer das Alter Ego des Schriftstellers und U-Boot-Fahrers Lothar-Günther Buchheim. Dass Grönemeyer in diesem Film nicht er selbst, sondern eine historisch echte Figur darstellte, gehörte zu seinem früh ausgeübten Schauspielerberuf. Doch seine Welt war die glitzernde Filmwelt nicht, Grönemeyers Zuhause spielte sich in Songs, Noten und Bühnenauftritten ab.

Als Sänger und Songtexter spielte er eine ganz andere Rolle und gab eine Figur, die als ehrliche Pop-Haut ernst genommen wurde und deren Kommentare zum Zeitgeschehen ein anderes Bild zeichneten als das des oberflächlichen Rockmusikers. Grönemeyer steckt da in keiner anderen Haut, da ist er Mensch, das ist er Herbert, da zeigt sich der einzig wahre Grönemeyer.

Das Grönemeyersche Individualitätspathos führt innerhalb der eigenen Musik viel punktueller zum Menschen Grönemeyer als er das in seinem Zweitberuf als Schauspieler ausdrücken konnte. Der einleitende Essay von Michael Lentz geht dem Phänomen Grönemeyer nach. "Die Texte von Herbert Grönemeyer bieten Einfühlung in real existierende Alltagssituationen, sie bieten dem Zuhörer und Leser in hohem Maße Identifikationsmöglichkeiten – und das, ohne sich anzubiedern, ohne die Fundamente so tief zu legen, dass sie als bloße Banaltrompeten verhört würden." Korrekt. Herbert Grönemeyer meint genau das, was er sagt. Ob in Interviews oder in seinen Liedern.

Vielleicht ist es der Grönemeyer in uns allen, der ein wenig nach kleinen Wahrheiten giert, die nichts mit bombastischen Politparolen und markigen Wirtschaftsführersätzen zu tun haben. In diesem Sinne darf man Herbert Grönemeyers Textbuch als Poesiealbum betrachten, in dem das Blättern erwünscht ist. Da kann man gerne mal auf seine Stimme verzichten, die ja manchmal weit vom Begriff Gesang entfernt ist.

Klaus Hübner


Herbert Grönemeyer: Liedtexte und Bilder von 1980 – 2004.
Mit Photos von Anton Corbijn und einem Essay von Michael Lentz.
Schirmer/Mosel. München. 2005.
160 Seiten, 30 Tafeln in Duotone und Farbe. 19,80 Euro
ISBN 3-8296-0123-9.



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