José F. A. Oliver: finnischer wintervorrat
25.04.2005
Der Ahornpropeller
Was uns die Werbung verspricht, wobei Sisley ausnahmsweise gut abschneidet, warum Dr. Benn auch einmal recht hat und woran man die poetische Luftschraube erkennt.
José F. A. Oliver, deutschsprachiger Lyriker andalusischer Herkunft, ist einer der Stillen im Lande. Er nimmt die feinen Details im Vertrauten, aber auch im Fremden wahr. Im Raum zwischen den Sprachen macht er das leise Mitschwingende hörbar. Oliver findet das ungehörte, das unerhörte Wort, das Sprache und innerste Erfahrung zur Übereinstimmung bringt. Mit finnischer wintervorrat legt er seinen zehnten Gedichtband vor, in dem er den Leser mitnimmt auf Reisen um die Welt und in seine eigene Vergangenheit. So oder so ähnlich wird über José F.A. Oliver geschrieben.
Sisley ...
So könnte man auch über Oliver schreiben, wenn da nicht dieser aufdringliche Sisleyismus wäre. Sisley? Genau, Alfred Sisley. Der Impressionist, der so malte wie Monet. Impressionismus allein ist schon schlimm genug: ältere Damen mit einen Pastellblick auf ein heiles Stück Natur zu verzücken. Puh! Aber die Steigerungsform davon ist Sisley: für diesen Pastellblick auch noch die Palette eines anderen zu benutzen. Doch davor schreckt Oliver nicht zurück: auf den besseren seiner Gedichte steht groß „Ó by F.M.“ Wobei der großen alten Dame aus Wien keineswegs Impressionismus unterstellt werden soll. Schließlich findet sich bei ihr auch weitaus weniger Gefälliges. Doch Oliver entnimmt ihre Stilpalette nur die warmen Farben. Und so kommen immer nette Bildchen dabei heraus. Aber auch bei anderen Kollegen holt Oliver sich seine Farben. Stil als Verlegenheitsgeste. Beliebig wählbar. Da steht Permutatives neben Reiner-Kunzigem. Bis zur Gesichtslosigkeit entleerte Formen. Und hier fällt selbst der Vergleich mit Sisley zu Ungunsten Olivers aus: Sisley hat wenigstens einen Stil, auch wenn er Monet ähnelt. Oliver hat alle Stile - und damit keinen.
... auf Weltreise
Da nutzt es auch nichts, rund um die Welt zu fliegen und überall Feingefühl zu plakatieren (konsultieren sie Dr. Benn). Ob Rumänien, Ägypten, Finnland oder die USA: Ansammlungen von Sentimentalem. Häufig müssen Kinder dafür herhalten: Straßenkinder in Timisoara („[3 straßen / kinder übten sich im alphabet]. Kindsüber / A wie ausgestreckt die augen. B / wie handertastetes banatgebet.“), Putti im Flugzeug nach Kairo („neben mir 2 engelskinder BLAU / ÄUGIG im blauen reim 1 blaues lachen“) oder spielende Kinder in Tampere („kirsikkakakkua. Die Freude / der kinder am kirschkernspucken & / sahnefinger im mund // dem sagen näher“). Natürlich lauscht da jemand die Sprachen ab. Aber aus dem Gehörten, das Oliver zu einem ganzen Gedicht ausbreitet, würde bei anderen gerade mal eine Zeile werden. Keine schnellen Schnitte, sondern behäbig ausgemalte Genrebilder. Possierliche Reiseimpressionen.
Poesie als Luftschraube
Oliver macht Poesie. Aber nicht der Etymologie nach, sondern der Stimmung. Wie er es selbst in einem jaspernd quer zur Leserichtung gestellten Gedicht beschreibt: „poesie // ahornpropeller. Davon 1 ahnung von flug & luftverstreichen“. Da ist alles drin, was seine Texte kennzeichnet: Natur, Geschraubtes, Abgehobenes und (heiße) Luft. Und die Ahnung des Bedeutsamen natürlich. So ist sein finnischer wintervorrat über weite Strecken ein betuliches Poesiealbum mit hochtönenden Lieblingswörtern des Poeten (der „aug“-Virus). Wer sich gefühlig antörnen lassen will: bitte schön. Nur stellenweise zeigt Oliver, dass er auch Besseres kann. Etwa, wenn die „manöverpartitur“ nach erhabenem Einstieg samt Rilke-Zitat mit der Wortfolge „grasmausoleum relegationsspiel mousepad“ überraschend kippt. Oder im Eingangsgedicht. Aber die wenigen besseren Momente werden verdrängt durch die sentimentale Aufgeblasenheit des gesamten Bandes. Die poetische Luftnummer.
Carsten Schwedes
José F. A. Oliver: finnischer wintervorrat.
Gedichte.
Suhrkamp, 2005.
Taschenbuch. 105 Seiten, 7,50 Euro.
ISBN 3-518-12397-1