Am 1. April diesen Jahres ist Thomas Kling im leider noch jungen Alter von 47 Jahren verstorben. Der Popstar unter den Lyrikern, der die lauten Töne, den unterschwellig-aggressiven Habitus und die für ihn wohl notwendig provokatorischen Gesten zur eigenen Inszenierung nutzte und lässig fruchtbar machte, konnte sich dieses Verhalten, das einigen Leuten auch gehörig gegen den Strich ging, mit Blick auf seine poetischen Fähigkeiten wohl erlauben. Große Schnauze und nichts dahinter – so könnte man denken, und doch überzeugt sein lyrisches Oeuvre den Urteilenden genau vom Gegenteil.
Kling lebte einige Zeit in Wien, und er hat nie einen Hehl aus der Tatsache gemacht, dass es ihm die österreichischen Schriftsteller besonders angetan hatten. Mehr noch als die Wiener Gruppe, zu denen man die Autoren Artmann, Bayer, Rühm, Wiener und Achleitner zählte, kamen für ihn die wohl wichtigsten Impulse von Poeten wie Reinhard Priessnitz oder Friederike Mayröcker. Kling hat das mikroskopisch genaue Betrachten der noch so unscheinbarsten Sprachpartikel von den Wiener Dichtern übernommen, aber nicht etwa epigonal und kalkulierbar-mechanisch; er hat es sich in Anlehnung an die früheren Phasen experimenteller Literatur zur Aufgabe gemacht, die Sprache ernst zu nehmen, sie da zu Wort kommen zu lassen, wo viele Lyriker sie nur noch mit schlichtem Inhalt beladen.
Mikroskopische Betrachtungen
„Auswertung der Flugdaten“ nennt sich sein letzter, von ihm selbst noch kurz vor seinem Tod veröffentlichter Gedichtband, und es wäre übertrieben, dieses Buch als eine rein lyrische Arbeit zu bezeichnen. Vielmehr sind noch Essays in den Gedichtkorpus eingesponnen, poetologische Bemerkungen, die vor allem durch den kauzigen Ton überzeugen. Kling lässt es sich nämlich nicht nehmen, seine Dichterkollegen auch mal ordentlich vor das Schienbein zu treten. Dieses Unternehmen gelingt vor allem, weil er Schriftstellern wie Rudolf Borchardt, Stefan George oder Hugo von Hofmannsthal, die ja bekannt für ihren geschmeidigen, hohen Ton sind, mit einem sprachlichen Vokabular auf die Pelle rückt, mit dem diese herrschaftlichen Dichter bislang wohl noch nie beehrt wurden. Dem „hochgebildeten Piefke“ Borchardt wird nun wegen seiner weithin bekannten Rezitationskünste ein „Talent zum ausdauernden Nervensägen“ bescheinigt, und George, der wie Kling übrigens aus Bingen stammte, wird etwas mit der Sprache der Subkultur angerempelt, wenn es heißt, dass Georges „Geheimwaffe“ seine „Street Speech“ war - und Kling schreckt dann zum Glück auch nicht davor zurück, George im rheinhessischen Dialekt zu Wort kommen zu lassen.
Respektlose Monologe
Der respektlose, vollkommen neuklingende Ton, mit dem Thomas Kling hier in seinem Monolog mit der Literatur und den Biographien seiner literarischen Vorfahren zu Werke geht, hat aber trotzdem hymnische Anteile, was bedeuten soll, dass bei aller Kritik an der Künstlichkeit und am eitlen Willen zur eigenen Inszenierung, die Dichter Borchardt und George von ihm für ihre lyrischen Verdienste durchaus geschätzt werden. Gerade der Essay „Projekt Vorzeitbelebung“ macht auf eine einleuchtende und doch subtile Weise deutlich, wie stark sich Kling aus der Literaturgeschichte bedient. Ein Faible für die antike Literatur, die er im Gegensatz zu Durs Grünbein intelligent und nachdrücklich zu aktualisieren versteht, scheint in den Aufsätzen und Gedichten immer wieder durch. Manchmal, so gewinnt man jedenfalls den Eindruck, überdreht Kling etwas, und die Bezugnahme auf unser aller Bildungsgut gerinnt zu einem auf eine fahle Exklusivität drängende Verwendung von Fremdwörtern.
Über die Gedichte von „Auswertung der Flugdaten“ ließe sich natürlich vieles sagen. Dass Kling mit ganzem Körpereinsatz und vollem Herzen Dichter war, macht die Eröffnung des Bandes mit dem „Gesang der Bronchoskopie“ deutlich, denn hier lyrifiziert der an Lungenkrebs gestorbene Schriftsteller seine Erlebnisse im Krankenhaus. Auch den Dialog mit der bildenden Kunst sucht Kling mit Gedichten, die sich auf Fotographien von Ute Langanky beziehen. Quasi ein Zwiegespräch zwischen Foto und Text bildet sich heraus, bei dem nie die eine Disziplin die Oberhand behält, sondern beide vielmehr symbiotisch voneinander und miteinander leben.
Thomas Combrink
Thomas Kling: Auswertung der Flugdaten.
Mit einem Fotozyklus von Ute Langanky.
DuMont, Köln, 2005.
Gebunden, 171 S., EUR 16,90.
ISBN: 3-8321-7917-8.