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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:44

 

Dieter Roth: Da drinnen vor dem Auge

13.06.2005

Das äußere Maultraining

Graust Ihnen vor Brigitteromanen, Bildbibliotheken, Grünbeingedichten, Straußschauspielen und anderen trüben Produkten der europäischen Literatur? Dieter Roth hilft ihnen aus der unwirthaften Gegend der Innenschauder und der Angst vor dem sogenannten Kitsch.

 

Lieber Leser, Hand aufs Herz: hatten Sie nicht immer schon den Eindruck, dass Ihnen die Literatur etwas vorenthält? Dass sie, formal oder inhaltlich, ein stimmiges Weltbild vermittelt, das so gar nicht zu dem täglichen Chaos und Dreck passen mag? Ihnen kann geholfen werden. Denn glücklicherweise gibt es die Werke des 1998 verstorbenen Autors und bildenden Künstlers Dieter Roth, der seiner Vorliebe für menschliche Einwürfe (Büsten aus Schokolade) und Ausscheidungen (seine Lyriksammlungen tragen Titel wie Scheisse oder Die die Die DIE GESAMTE VERDAMMTE KACKE) mehr oder weniger freien Lauf lässt. Bekannt geworden ist er vor allem durch seine Kunstobjekte: vor seiner Großen Tischruine standen sich die Besucher der Documenta 11 die Füße platt. Dass er über 200 (!) Bücher geschrieben (und einige anderer Autoren verwurstet) hat, scheint sich hingegen noch nicht so recht herumgesprochen zu haben. Betrachtet man aber die Preise, die für den schon lange vergriffenen Band Frühe Schriften und typische Scheisse gezahlt werden, so scheint es doch einige Leser zu geben, die Dieter Roths Texte zu schätzen wissen. Dabei handelt es sich bei diesem Band um ein relativ konventionell gestaltetes Taschenbuch aus den siebziger Jahren und nicht etwa um ein herstellungstechnisch aufwendiges Buchobjekt (dafür werden noch ganz andere Preise gezahlt). Höchste Zeit also, dass hier Abhilfe geschaffen wurde.

Der als Richard Wagner auferstandene Hölderlin

Da drinnen vor dem Auge ist ein Best of von Dieter Roth, das die gesamte Bandbreite seines literarischen Schaffens abdeckt, soweit sie in herkömmlicher Buchform wiedergegeben werden kann. Das Spektrum reicht von einigen frühen Ideogrammen (bei denen man sich fragt, wie ein Autor, der später so zur Ausweitung tendierte, sich in die reduzierten Formen der konkreten Poesie fügen konnte), bis zu den aus der Lamäng geschriebenen Notiz- und Tagebüchern, die er Ende der achtziger Jahre zu veröffentlichen begann. Dazwischen stehen Experimente mit einer eigens entwickelten Orthografie, eine Auswahl aus seiner Scheisse, Teile des tentativen Logico-Poeticums Mundunculum (Roths poetisierter Wahrnehmungstheorie), die Wolken (eine Aphorismensammlung, irgendwo zwischen Lichtenberg und Wittgenstein) sowie seine aus- und abschweifende Adaption von Groschenromanen in der Bastel-Novelle. An einigen Stellen haben die Herausgeber dankenswerterweise Reproduktionen der Originale beigefügt, so dass man sich einen Eindruck verschaffen kann, wie Dieter Roth seine Bücher konzipiert hat. Denn seine literarische Produktion beschränkt sich nicht auf die pfäffische Schwärze des gedruckten Worts, sondern tendiert – wie auch seine Objektkunst, etwa die großartige Gartenskulptur – zum Gesamtkunstwerk, in das ein Wust von Zeichnungen, Fotos und Stempelbilder integriert ist.

Das Roth´sche Traumtiefdruckverfahren

In Literatur wie bildender Kunst achtete Dieter Roth darauf, immer alles klar und hässlich zu sehen. Im „Lebenslauf von 46 Jahren“ stellt er sich dar als „in die Angsthose pissender Hundehaufen“, „flachgedrückt“ unter der Herrschaft des „äusserst menschenfressenden Bösewichts“ Hitler, in der „kanonengrauen Schweiz“, im „Dreckloch“ der Ehe und unter der „entsetzlichen Mörderbrut“ der Nordamerikaner. Kunst ist bei ihm nicht die Darstellung hehrer Ideale, sondern – darin dem späten Jandl verwandt – eine Erscheinungsweise der Ängste und Alpträume des täglichen Lebens und der Befreiung davon durch exzessives Schimpfen auf sich selbst und alle Welt. Diese Einstellung schlägt auch auf die Sprache durch. Gegen Roths in Kopieform veröffentlichten Tagebücher erscheinen die meisten Blogs wie ordentliche Schulaufsätze, denn welcher Blogger würde auf die Idee kommen, auf Englisch zu schreiben, weil ihm sein Deutsch zu gut ist für das tägliche Elend? Selbst die Trivialliteratur ist nicht abgründig genug, so dass Dieter Roth seine Bastel-Novelle durch Handlungsbrüche und Rechtschreibfehler bereichern muss, um sie noch weiter nach unten zu ziehen. Aber diese Falschschreibung ist so einfallsreich gemacht, dass sie schon wieder in Qualität umschlägt. In dieser paradoxen Lust am Falschen ist Dieter Roth Paul Wühr verwandt, wobei Wühr eine Philosophie des Falschen entwirft, Roth hingegen eine Sprache des Falschen. In diesem dirty writing nimmt das Denken des „rauchenden und trinkenden und scheissefressenden“ Dieter Roth, sein „inneres Maultraining“, eine Gestalt an, in der die gekonnte Anhäufung von Hässlichkeiten ihre ganz eigene Qualität gewinnt.

Carsten Schwedes


Dieter Roth: Da drinnen vor dem Auge.
Lyrik und Prosa.
Suhrkamp, 2005.
Broschiert. 304 Seiten,10,- ¤.
ISBN 3-518-12400-5


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