Fritz Eckenga: Jahreshauptversammlung meiner Ich AG
20.06.2005
Gereimte Rettungsringe
Wenn jemand seine eigene Fusion beschlossen hat und nach diesem wirtschaftlich motivierten Akt der letzten Vernunft beginnt, darüber Gedichte zu schreiben, darf man in der Haut des Schreibers wahrscheinlich den Poeten, Satiriker und Kabarettisten Fritz Eckenga vermuten. Genauso ist es.
Zum zweiten Mal wirft Eckenga im Kunstmann Verlag ein schmales Büchlein mit Rettungsreimen ins Rettungsboot, die sich mit der harten Wirklichkeit von Politikern und den einfachen Leuten, dem Mann auf der Straße und der Arbeitslosigkeit, auseinandersetzen. Sich selbst spart Eckenga nicht aus, sondern nimmt sich mit in das Vakuum aus Pleiten, Pech und Palaver. Ziemlich realis-tisch kommt er denn auch im "Protokoll der Jahreshauptversammlung meiner Ich-AG" zum Point of no return:
"Das ist ja der Vorteil des Ich-Aktionärs, / wenn man was kürzt, kürzt man sich. / Und Zahlung im Rahmen des Ich-Transfers / heißt zahlen ans andere Ich."
Da bleibt kein Auge trocken
Da bleibt einfach kein Auge trocken und geschlossen wird sowieso keins. Dafür ist der Humorgehalt von Fritz Eckengas Texten viel zu lachtränenlastig. Ob die Zeitgenossen nun Rudolf Scharping, Angela Merkel oder Stefan Effenberg heißen – immer findet Eckenga das entscheidende Haar in der Prominentensuppe, aus der er seinen Rettungsreimen einen verstärkten Halt geben kann. Neben vielen großen Wortwürfen gelingt dem staubtrockenen Poeten auch immer mal wieder ein lyrisches Kleinod. Den Verächtern des Sommers ruft er zu: "Dann haut doch ab!". Aufmunternd sein Appell an den kleineren Koalitionspartner im Berliner Regierungsviertel: "Jetzt nicht nachlassen, Grüne Partei!" Schonung darf niemand erwarten, Eckenga ist erbarmungslos ironisch. Das bekommen auch Bärbel Höhn und Peer Steinbrück, das ehemalige nordrhein-westfälische Kabale- und Liebe-Paar, zu spüren.
Ob ein "Offener Brief an den Vermittlungsausschuss" oder die Bekenntnisse eines "Piercing-Vertreters": irgendwie hängt alles und jedes zusammen. Es braucht nur eine Erklärung, eine Hilfestellung. Dazu eignet sich vorzüglich das Reim- und Versgeschreibe des Eckenga Fritz aus dem ruhrpottlichen Dortmund, der als Mitglied des Musiktheaters N8chtschicht und als "taz"-Wahrheitsschreiber schon so manche Ungereimtheiten unters Volk brachte.
Klaus Hübner
Textprobe:
"Heute wollen wir Schönes bedichten,
sangwirmal Weiber, Wohlstand und Wein.
Heute wolln wir auf Ödes verzichten,
zum Beispiel Dosenpfanddebatte.
Deswegen heute nur Liebenswertes,
irgendwas, das die Mühe auch lohnt,
was schmetterlingsmäßig Unbeschwertes,
also auf keinen Fall: Bürgerversicherung."
Fritz Eckenga: Jahreshauptversammlung meiner Ich AG.
Rettungsreime. Illustriert von Rudi Hurzlmeier.
Verlag Antje Kunstmann. München. 2005.
152 Seiten. 9,90 Euro.
ISBN 3-88897-386-4.