Christoph Wenzel: zeit aus der karte. Gedichte.
18.07.2005
Der Blues der Sprachverschiebungen
In seinem Lyrik-Debüt glänzt der junge Linguist Christoph Wenzel mit dem genauen Blick für Sprachbewegungen und Sprachverschiebungen und verwandelt abgegriffene Floskeln in einen vibrierenden Blues.
„hochstand der sonne: die blendung/ des kopisten im blick auf die schrift“, steht es einem da plötzlich vors Gesicht geschrieben. Die blendenden Zeichen, Arbeit am Wort. Christoph Wenzel riskiert ihn, den Blick in eine unbarmherzige Sonne. Ein Sternensucher bei Tag. Da droht sich womöglich jemand die Netzhaut zu verkohlen?
Die einleitenden Verse sind Wenzels Debüt entnommen, „zeit aus der karte“, so der unprätentiöse Titel. Christoph Wenzel, Jahrgang 1979, promoviert derzeit in Aachen. In der Vergangenheit hat er vornehmlich durch Zeitschriftenpublikationen und die Herausgabe der neuen Literaturzeitschrift [SIC] auf sich aufmerksam gemacht, nun also die erste Einzelpublikation: „Zemt“, ist der irritierende Titel des oben zitierten Gedichtes. Was ist das jetzt wieder: – „Zemt“!? Wenzel spielt mit den Vieldeutigkeiten, den Polysemen, der Vagheit unserer Sprache, an der man sich nahezu tagtäglich die Zunge verbrennt. Der junge Dichter wühlt alte Sprachschichten hervor: „Zenit“, das Wörtchen sei letztlich die Folge eines Schreibfehlers, so die Fußnote ganz im Stil eines poeta doctus. Die kleine Notiz, ein Appendix, so unscheinbar unter das Gedicht drapiert, ist Wenzels Programm. Sprachgewaltige Attitüden sind ihm fremd, die Dynamik der Deklinationen, Sprachverschiebungen und Schreibbewegungen wird hier als etwas zutiefst fragiles entlarvt und aufs vorbildlichste vorexerziert, sind wir doch schließlich alle nur schnöde Kopisten im Dschungel der „geschichte von drehung und deklination“.
Sprachverschiebungen und Schreibbewegungen
Es wird mit den Assoziationen der Bedeutungsebenen jongliert, nur so kann man der Blendung einer im Zenit stehenden Sonne entgehen. Der erkenntniskritische Blick des Dichters muß also um die Ecke schleichen, an der Sonne vorbei, etwa im Sinne einer Kleistschen Asymptote (Vgl. „Marionettentheater“). So spielen auch bei Wenzel die geometrischen Formen und Funktionen eine große Rolle. Immer wieder ist von „Kreisen“ oder „Sinuskurven“ die Rede. Die „schnittkante über dem bogen“ sei „ein horizont/ und in richtung des kopfes: der zenit“.
Der Schreibakt als eine Denkbewegung. Wie bei einer Marionette bewegt sich die Hand des Kopisten (= Dichters) über das Blatt. Schon Kleist wußte um die Kraft des Unbewußten, man muß nur den Kortex ausschalten und die Welt richtig belauschen, etwa beim Wenzelschen Schreibakt: „samt auf den pergamenten beinahe/ wie zimt und eine falsche bewegung der hand // setzt den mittag lotrecht über die zeile“. Auf dem zimtig-samtenen Pergament rutscht die schweißige Haut des orientalischen Kopisten aus, Resultat ist eine Sprachfraktur, die Geburt eines neuen Wortes. Aus „Zemt“ ward plötzlich „Zenit“. Eine autopoietische Kreatur. Der unbekannte orientalische Kopist als alter ego Christoph Wenzels, ein Proletarier am Wort.
Störanfälligkeiten
Andere Gedichte kommen zunächst locker humorig daher: „DIESES HAUS ist besetzt/ mit der erinnerung an den klang// meines namens aus der gegen-/ sprechanlage: rhetorisch die frage// ob ich auch sei wer ich bin.“ Die Verse suggerieren jedoch die Störanfälligkeiten zwischenmenschlicher Kommunikation. Es ist nur eine hauchdünne Linie (eine Hyperbel?) vom Sender zum Empfänger. Der Linguist Wenzel weiß: hier droht elektrophysiologischer „Noise“ die Namen zu verfremden. Die gescheiterte Kommunikation, versinnbildlicht anhand einer Gegensprechanlage. Interaktion als gegen-einander An-sprechen. Ein Kampf und: - Ein starkes Bild. Wenzel wagt nicht nur den Blick nach oben in die Sonne, an der sich die Erkenntniskritiker regelmäßig die Augen verbrennen, ihm ist auch „ein beherzter griff hinab/ ins vokabular/ für nächtliches“ nicht fremd. Jetzt wird es also haptisch, der Elfenbeinturm des Gelehrten ist aufgebrochen: „NACKT durch nacht und nabel läuft die zungenschrift“. Auf dem Körper bricht die Sprache entzwei. Die Schrift erfährt eine körperliche Präsenz, die Wenzel virtuos in dem erschütternden „aschbuch“ kulminieren lässt: „als die schrift und das buch starben/ rauchaufgang. dann/ niederschlag von bruch- + blutstaben“, eine celansche Reminiszens, ohne falsches, feierliches Pathos, dezent gesetzt, verhallt sie im Raum historischen Sprachgewirrs. Kleinschreibung als Verneigung vor der Sprache und Geschichte.
Ein großartiger Band, dem man viele Leser wünscht, ein wahrer Sprachzauber ergießt sich über den aufmerksamen Leser. Leise prallen die Worte an den Resonanzkörper Schädeldecke. Tief im Innenohr wird hier die abgegriffenste Floskel zu einem Blues: „benn-blau/ bläst den blues/ gegen zwölf-/ takt-tiede (...)“.
Daniel Ketteler
Christoph Wenzel: zeit aus der karte.
Gedichte.
Rimbaud, Aachen 2005.
Broschiert, 74 S., 13 Euro
ISBN 3-89086-633-6.
www.rimbaud.de
www.siconline.de