Frank Schablewski: Nebengeräusche
03.12.2005
Entrückte Gegenwart
„Nebengeräusche“ heißt der nunmehr sechste Gedichtband des Lyrikers, Tänzers und Bildhauers Frank Schablewski, eine vierteilige Sammlung von Gedichten, die aber so sehr – auch im Druckbild - zusammenhängen, dass man sie als ein Langgedicht auffassen kann.
Der Band steht in der Tradition jener Dichtung, die sich mit der um ihre kulturelle, historische und auch mythologische Dimension erweiterten Landschaft auseinandersetzt (man denke an Hölderlin, Bobrowski, Erich Arendt). Ausgangspunkt ist eine Reise des Autors in die Türkei und nach Griechenland, die, unter anderem, mit der Bildlichkeit der Johannesoffenbarung – oder vielmehr mit modernen Derivaten von ihr überblendet wird. Es scheint, dass die biblische Vision, vielfach zersplittert und verwandelt, über lange Zeiträume in Kultur und Alltag der Region eingegangen, bis heute in ihren Rückständen auffindbar ist. So werden aus den Tierfiguren, die in der Offenbarung als Mischwesen der alten Ordnung und Welt auftreten, in der Gegenwart Ornamente, Pelzstücke oder Tischfüße. Solche Bilder sind es, die, vermischt mit den suggestiven sinnlichen Bildern, denen man sich in der Offenheit einer Reisesituation leicht ausgesetzt sieht, mit solchen aus dem Bereich der bildenden Kunst und mit anderen, die aus nicht ganz kartographierbaren Assoziationsräumen entstammen mögen, nun auch die Gegenwart selbst ins Ungewisse entrücken.
Zeitgenössische Haltung
Dabei haben die Gedichte nichts Altertümelndes an sich. Ganz zeitgenössisch sind nicht nur die angenehm unaufdringlich und im Dienst der Aussage verwendeten Stilmittel, wie die syntaktischen Brüche, das Weglassen der Satzzeichen, wodurch der Text sowohl vor- wie zurückweist und mehrdimensional wird, sowie das am Klanglichen orientierte Sprachspiel, indem das erwartbare Wort durch ein anderes, klangähnliches, untergründige Sinnzusammenhänge offenlegendes ersetzt wird. Zeitgenössisch ist auch die Haltung, die keine vereinnahmende oder beschwörende mehr sein kann, sondern nur noch benennend und auffindend, erlebend. Die Erzählstimme des Gedichts, eine durchaus Vertrauen erweckende, hält gleichen Abstand zu den Dingen, sie verkörpert sich nicht als lyrisches, situationsbezogenes Ich, ihre Topographie ist nicht konzentrisch, sondern gleichmäßig nah oder fern sowohl zur sinnlich aufgefassten Gegenwart als auch im Verhältnis zur historischen und legendären Dimension. Im Effekt ist das, da der Text nicht gleichgültig lässt, beinahe elegisch, jedenfalls wirken die Gedichte trotz ihrer starken Bildlichkeit ruhig und ihr Stoff bewältigt. Ein schöner, anspruchsvoller Gedichtband, der nicht nur, aber auch deswegen interessant ist, weil er das Religiöse und Fremdkulturelle weder bejaht noch verneint, aber gelten lässt.
Carsten Zimmermann
Frank Schablewski: Nebengeräusche. Gedichte. Rimbaud Verlag 2005, 61 S., 10,00 Euro