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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:47

 

Ted Hughes

26.02.2006

Ein Dichter der Unendlichkeit

Mythen entstanden in der schriftlosen Zeit, einer Zeit, in der das Mündliche von Generation zu Generation überliefert wurde. Ted Hughes gehört zu jener Dichtergeneration, in der das gesprochene Wort längst nicht mehr das hält, was es zu versprechen scheint.

 

Dennoch, vielleicht gerade deshalb, erinnert sich Ted Hughes in seinem dichterischen Werk immer wieder an die Wurzeln lyrischer Schöpfung. So beschreitet er in seinen Versen die Tradition der archaischen Gesänge, um sie in die neue Zeit zu transportieren: Ted Hughes, Symbolfigur einer neuen Dichtergeneration, die sich ihrer Wurzeln erinnert; dass diese Wurzeln vor unserer Zeitrechnung liegen, macht Hughes Verse umso dichter.

Sein lyrisches Werk befasst sich mit den Urmythen der Menschheit, aber auch die Pfade der Antike werden von ihm selbstverständlich beschritten.Prometheus auf seinem Felsen ist das letzte Werk des 1998 verstorbenen Dichters, das in deutscher Sprache erschienen ist. Vielleicht ist die lyrische Auseinandersetzung mit Prometheus ein Hinweis auf den von Krebs gezeichneten Dichter, der mit dieser Figur sein eigenes Leiden thematisiert. Prometheus, der Rebell, gekettet an einen Felsen, als Strafe der Götter, weil er den Menschen das Feuer brachte. Ted Hughes, der Dichter, gefesselt an seine Krankheit
...Keine Ketten – nur Sehnen, Nerven, Knochen.
Und kein Geier – nur eine Flamme

Prometheus, Sohn der Titanen, ein Vetter des Zeus. Er gilt als Sinnbild für die Schöpfung der Menschen, denen er das Feuer brachte. Deswegen zog er sich den Hass der Götter zu. Prometheus wurde auf Befehl des Zeus von dem Schmied Hepheistos an einen Felsen im Kaukasus gekettet. Ein Adler fraß ihm am Tag seine Leber aus dem Leib, die ihm nachts wieder nachwuchs.
Seine Stimme erspürte sich den Weg.
„Ich bin“, sagte er

„Auf dem Rückweg“, sagte er, und „Jetzt
fühle ich mich in meinem Körper“, und „Etwas ist seltsam –

etwas hat sich verändert.“ Und er hielt inne
genau inmitten Dunkelheit, genau inmitten Stumpfheit.
Er ließ seine Mund – Maske weit

Hinaushängen ins Licht.
„Was ist mit mir geschehen, was hat sich verändert?“
Er wisperte und lag da voll Furcht –

( ... )

Von seiner schwerfälligen Brust ließ er sich
hochtragen

Wie von den Flügelschlägen eines Adlers
und
„Bin ich ein Adler?“

Sein irischer Dichterkollege Seames Heaney sagt über den Briten Ted Hughes: “Einer, der überdauert. Einer, der groß ist, wie die Heroen des Schlachtfeldes, eine mythische Gestalt, auch Heiler, Zauberer, einer wie Merlin!

Prometheus auf seinem Felsen, ein Gedichtezyklus in einundzwanzig Gesängen, geschrieben für die Unendlichkeit.

Dass Ted Hughes einer der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts ist, beweisen nicht nur die Verse der Urmythen, die er immer wieder aufgreift, sondern in seinen Gedichten verarbeitet er auch Landschaften, Flora und Fauna. Er ist sich nicht zu schade dafür, den Fuchs und die Krähe zu besingen oder ein Paar im Liebestaumel. Lyrik wird vom Leben geschrieben und Hughes schreibt alles auf. So auch in dem neu erschienenen Band „Etwas muss bleiben“. Thematisch geordnet führt die Ausgabe durch ein breites Spektrum von Hughes’ lyrischem Werk.

Japanische Flussgeschichten

1

Heut nacht eilt
Vom eingepackten Dorf, den wattierten Feldweg hinab,
Schnee
Zum Stelldichein, rührt
An ihr Haar, an ihr Gewand,
Mit glänzenden Pantöffelchen
Über das Stoppelfeld,
nackt unter Ihrem leichten Kleid, Juwelen
In ihrem Haar, an ihren Ohren, an ihrem bloßen Hals
Dunkler Augenblitz
Zweige und Dorngestrüpp
Greifen nach ihr
Als sie
Die zerlumpten Vorhänge anhebt
Vom Quartier des Flusses und eintaucht
In sein zugreifendes Bett.

Ted Hughes ist ein Maler der Sprache. So gesehen sind die einzelnen Worte, die er in seinen Zeilen zu Versen verwebt Farben, die auf der Palette der Dichtkunst gemischt werden.
Mit Sprachkreationen ist es ihm möglich, ein Feuerwerk der Zeilen auf der lyrischen Leinwand zu entfachen. Die Kulisse der Lyrik ist das Universum der Farben und Formen. Dichten bedeutet für Hughes, Worte in eine in eine lyrische Komposition zu transformieren, um ihnen den Atem kosmischer Gesänge einzuhauchen.
Poeten sind Schöpfer, Poeten sind Maler, Poeten sind Musiker und Poeten sind auch Schamanen, die im Strom der Kreativität Worte, Wortfragmente, Buchstaben, Satzzeichen und Zeilenbrüche zu Versen verdichten, um sie auf dem weißen Blatt der Lyrik ineinander fließen zu lassen. Auf diese Weise bekommt die Sprache eine ureigene Dynamik. Eine Dynamik, die im ganzen Universum gehört wird.
Lyrik ist Farbe, Lyrik ist Form, Lyrik ist Klang – Lyrik ist Schöpfung.

Ted Hughes ist einer dieser Schöpfer, denen es gelingt, Sprache nicht nur zu einem materiellen Instrumentarium zu machen, das sich auf äußere Informationen beschränkt, sondern er hat auch die Gnade, durch seine Zeilenbrüche, die Hebungen und Senkungen, das Silbenmaß und die Syntax seiner Verse, den Menschen da zu begegnen, wo sonst keiner hinkommt: in ihre Herzen.

Rüdiger Heins


Prometheus auf seinem Felsen
Zweisprachige Ausgabe, mit einem Bilderzyklus von Eva Clemens; übertragen und Nachwort von Jutta Klaußen;
Insel Verlag, Frankfurt a.M.

Etwas muß bleiben
Gedichte; Englisch und Deutsch, mit Gedenkrede von Seamus Heaney, ausgewählt und übertragen von Jutta und Wolfgang Kaußen;
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M.

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