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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:48

 

Martin Dragosits: 5 Gedichte

20.07.2006

Die Patenschaft hat Erich Fried hier inne. Er leiht diesen Gedichten ihren kaum entscheidbaren Ton zwischen Anklage und Analyse. Kleine Versuchsanordnungen mit Wortchemikalien, lyrische Erpresserbriefe mit wie aus der Zeitung geschnippelter Realität und - mit Nebelcrème! Politisch unbedingt. Nur politisch niemals.
(Die Redaktion)

 

Damals, 2004, Mai.

Ob die Getöteten Teil einer
Hochzeitsgesellschaft
oder Aufständische waren
ob es Freudenschüsse
oder bewaffneter Widerstand
gewesen ist
ob unter den vierzig oder
fünfundvierzig Leichen zehn oder
fünfzehn Kinder gelegen sind
jener Faden der zwischen hell
oder dunkel unterscheidet
der gilt hier nicht

Die Torheit der Regierungen
gilt es zu beschreiben
Kriege die nicht zu
gewinnen sind
in denen jeder Schritt
einer gewonnen Schlacht
das Unheil sicherer verstrickt
und wie in einer griechischen
Tragödie
sich zuspitzt
auf eine fürchterliche
Fortsetzung



Vorbereitung

Einen Streifen aufleuchten lassen
am gesäuberten Horizont
Klare Farben am Rand der Mittagssonne
vorbereitete Perspektiven
unter fadenbreiter Beobachtung
Pandemische Freudenspuren
als Ergänzung für die Gäste
Spiegelgeflechte

Wirksame Absolution
nach
wolkentiefer Erwartung



Interregnum II

Der Papst ist tot
Es lebe der Papst

Schwarzer Rauch
Ohne den süßlichen Gestank
Der Gekreuzigten
Jesus
Die Geringsten Deiner Brüder
Haben gewartet
Auf Engel und Trompetenscharen

Schwarzer Rauch
Wolkensteine mit Nebelcrème
Moving Targets

Kleine Puppen haben gewartet
Weißer Rauch



Richtungsstreit

In einer anderen Liga spielen.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Mit Trompetenfüßen auf dem Boden.

Wohin schlägt das Herz?

Aufbäumen
mit gesponnenen Fäden.



Freitag Abend

Meine Funktion ist zweckmäßig
Gebrauchs- und Unterhaltungswert
Ein Lachen am Rande
Musik in den Ohren
Konkurrierende Updates
Das Angebot ist vielfältig
Von ausgesuchter Qualität
Gerade Blicke
Offen angetragen
Schweigen als Reserve
Hoffnung auf Distanz
Momente besonderer Empfindsamkeit
Das Schlagzeug im Hintergrund
Scharf unterscheidbar
Die Fernbedienung am Couchtisch
Ein Glas Bier
Das Fernsehprogramm der nächsten Woche
Einkaufszettel
Ambitionen
Zuerst unbelohnt
Dann unbestätigt
Rhythmus
Auf selbständiger Reise
Veranschlagt
Ordentlich eingereiht
Die Prioritäten der Außenwelt
Marsringe
Digitalisierter Aufmerksamkeit
Schreiben
Festhalten
Vergegenwärtigen
Als wenn Papier
wirklich geduldig wäre
An einem Freitag Abend
Der sich senkt
In der Mitte einbricht
Geschichte wird




Martin Dragosits

Geboren 1965 in Wien, arbeitet in einem Informatikunternehmen, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Veröffentlichungen in Zeitschriften, o­nline-Magazinen und Anthologien in Österreich, Deutschland und der Schweiz.
Martin Dragosits, Rosensteingasse 71/11, 1170 Wien
martin.dragosits@chello.at

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