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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:48

 

Text + Kritik: Junge Lyrik

03.09.2006


Zwischen formalem Karst und verquerem Sumpf


Sehr junge Lyriker schreiben über noch viel jüngere Kollegen, und zwei ältere Herren versuchen dies dann konzeptuell abzurunden. Herausgekommen ist ein etwa 120seitiger Band, der einen wirklich guten und spannenden Einblick verschafft in Inhalts- und Formsuche der Gedichte unserer Zeit.

 

Text und Kritik, Schwarz und Weiß, oh Studentenzeit! Diese philologische Zeitschrift war immer eine verlässliche, vielsprudlige Quelle gewesen, wenn es darum ging, sich selbst in eine neue Thematik einzuführen. Heinz Ludwig Arnold, der Herausgeber, war dabei der große unbekannte Tutor, der Fernstudienprofessor, ein unsichtbarer spiritus rector. Und das seit über dreißig Jahren.

Der Umschlag ist gestaltet durch eine Illustration Robert Gernhardts: Ein Storch steht im Wasser und angelt sich ein beschriebenes Blatt aus dem Nass. Über ihm fliegen schon zwei Adebare mit ähnlicher Beute im Schnabel davon. Sehr wählerisch scheinen sie nicht zu sein, denn von den sechs angebotenen Blättern werden drei entführt. Eine Ausschussquote von fünfzig Prozent! In symbolischer Überhöhung werden die tropfnassen Worte zwar beflügelt, aber landen sie nicht letztlich in den Hälsen einer kreischenden Brut? Was Gernhardt hier einigermaßen ironisch beschreibt, passt so gar nicht zu dem präsentierten Inhalt. Zwar ist Ironie in der jüngsten Literatur durchaus zu finden, aber nie ein formale Ausprägung wie die des jüngst verstorbenen Altmeisters. Dabei ist von Form viel die Rede in der jungen Lyrik. Erstaunlich viel sogar. Fast könnte man dieses begriffliche Zelt über die edle, kleine Schar ziehen. Zunächst werden sechs Autoren zwischen 24 und 32 Jahren vorgestellt: Nora Bossong, Swen Friedel, Nadja Küchenmeister, Norbert Lange, Lars Reyer und Nathalie Schmid. Interessanter wäre es für den Leser vielleicht gewesen, sie ans Ende des Bandes zu stellen, nachdem einem das Wasser theoretisch im Munde zusammengetrieben wurde.

Die sieben Aufsätze, die folgen, weisen dann recht interessante Merkmale auf. Guido Graf, Ulrike Draesner und Norbert Lange betätigen sich auf dem Feld der Gedichtinterpretation. Sie tun es zumeist auf phänomenologische Art, schreiben hinterher, schreiben sich mit hinein, überschichten, palimpsestös – alle in erstaunlich ähnlicher Vorgehens- und Einfühlungsweise.Michael Braun und Peter Geist sorgen dann für das Denkfutteral, sie spannen weite Bögen und stecken das weite Feld ein wenig ab, damit wir uns nicht ganz in diesem Universum verlieren. Der eigentliche Reiz liegt aber darin, dass sie häufig völlig entgegengesetzte Positionen beziehen.Jan Wagner und Tobias Lehmkuhl gehen eigene Wege. Wagner versucht so etwas wie eine Innensicht in die Beweggründe und speziellen Ausformungen seiner Generation. Lehmkuhl vergleicht dagegen drei Lyriker miteinander und versucht so, zu Beschreibungskategorien zu kommen, zu tauglichen Begrifflichkeiten. Gelungen ist somit insgesamt eine Balance zwischen Seminarblässe und rotbäckigem Drauflos. Erkennbar als Generationsetikett ist insgesamt ein neu erwachtes Formbewusstsein, ein Bescheidwissenwollen um Rhythmus und Prosodie, um Ode und Terzine, um Barock und Brinkmann. Und das kann – hat uns Heinz Ludwig Arnold schon immer gesagt – ja nie schaden.

Christoph Pollmann


Text und Kritik: Junge Lyrik (171). Zeitschrift für Literatur. Herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold. Preis: 119.Seiten. 16,00 Euro. ISBN 3-88377-847-8

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