Nicolas Nowack (Hrsg.): Nordsee ist Wortsee
25.09.2006
Am Meere hängt, zum Meere drängt doch alles
„Nordsee macht lyrisch“ schreibt Nicolas Nowack in das Vorwort seiner vor kurzem veröffentlichten Lyrik-Anthologie „Nordsee ist Wortsee“. Und er ergänzt: „Die maritime Natur kann unsere Sinne so intensiv erfüllen, dass die Suche nach einem persönlichen Sinn, die uns Menschen ständig bewegt, beantwortet erscheint und eine Zeit lang ruht.“
Eine Aussage, die die Empfindungen und das rastlose Sehnen von sehr vielen Menschen philosophisch verdichtet und gleichzeitig eine vielversprechende Einladung zur Lektüre der sich anschließenden rund 130 Gedichte, die den poetischen Meerwert [sic] von Watt und Wasser ausloten.
Nicolas Nowack ist mit „Nordsee ist Wortsee“ eine Publikation geglückt, die auch Menschen liegen dürfte, die sich sonst wenig bis gar nicht mit zeitgenössischer Dichtung befassen. Er hat seine lyrische Auflese [sic] in zwölf „Seekisten“ gepackt, auf denen schon die Aufschriften wie „Orte“, „Zeit & Gezeiten“, „Wind & Wasser“, „Sonne & Sand“ oder „Flucht & Sehnsucht“ den Eindruck vermitteln, dass die darin enthaltenen literarischen Fundstücke den Leser nicht durch kryptische Metaphorik oder experimentelle Sprachakrobatik überfordern. Gedichte also, die nicht nur für Lyriker gedacht sind, sondern für sensible und aufgeschlossene Leser, die in den Texten die eigenen maritimen Wahrnehmungen konzentriert und aus poetischem Blickwinkel neu entdecken können.
Mit hohem literarischen Anspruch betrachtet geben die schmucklosen Kapitelüberschriften sogar der Vermutung Raum, dass es sich bei „Nordsee ist Wortsee“ um eine jener niveauarmen Gedichtsammlungen handeln könnte, wie lyrisch schmerzfreie Herausgeber sie gelegentlich in zweit- oder drittklassigen Kleinverlagen veröffentlichen, um sich durch die Publikation literarisch ein wenig wesentlicher zu fühlen. Wer „Nordsee ist Wortsee“ aufmerksam liest, merkt aber schon auf den ersten Seiten, dass die Anthologie überwiegend handwerklich solide Gedichte enthält, die auch anspruchsvolle Leser, zum Teil sehr, überzeugen. Gedichte, die als Echo aus allem wohl ein positives Leseerlebnis vermittelt haben müssen, wenn man nach der Lektüre den nächsten Nordseeaufenthalt kaum mehr erwarten kann. Vor diesem Hintergrund wäre es ein trefflicher Absch(l)uss des lyrischen Spannungsbogens, das Buch einmal in einem Strandkorb zu genießen, falls man es nicht an der Küste erworben und dort auch gelesen hat. Es erhöht sicherlich die Nachhaltigkeit der Lyriklektüre, die maritime Poetik auch körperlich nachzuempfinden, wenn der trotzige Salzwind in den Haaren wühlt und das feuchte Watt in der Farbe des Himmels glänzt.
Poesie und Küstenschutz
Nur wenig in den von Nowack gefüllten Seekisten wirkt als Fremdkörper deplaziert und hätte beim Stöbern aus den Truhen aussortiert werden sollen. Die meisten Texte haben den Untertitel „Nordsee-Poesie“ verdient.
Die Auswahl vereint prominente und unbekannte Autoren mit sehr unterschiedlicher Gewichtung. Auffällig ist die überproportionale Präsenz des 1956 in Sinn an der Dill geborenen Ferdinand Blume-Werry. Weil Blume-Werry mit insgesamt 16 Gedichten und auch deutlichem Abstand die meisten der rund 200 Buchseiten füllt, kann er als der Nordsee-Dichter in der Auswahl gelten. Seine fragmentarischen, auf das Wesentliche reduzierten Gedichte, fangen die vielfältigen Nordsee-Facetten sensibel wie exemplarisch ein und rechtfertigen den Entschluss des Herausgebers, den heute in Hamburg lebenden Dichter in der Auswahl durch eine Vielzahl guter Gedichte hervorzuheben.
An der Ausstattung des mit Wattfoto, dunkelblauen Schmuckblättern und gleichfarbigem Lesebändchen versehenen Hardcover-Buches ist abzulesen, dass sich Herausgeber und Verlag bei dessen Gestaltung Gedanken und Mühe machten. Die Gedichte haben eine hochwertige Verpackung erhalten, die die maritime Atmosphäre trägt und unterstreicht.
„Nordsee-Lyrik dient dem Küstenschutz“ fasst Nicolas Nowack in seinem Vorwort (das er „Vorspülung“ nennt) als überraschendes Fazit zusammen, denn Gedichte würden bewahren. Das Zusammenstellen einer Anthologie gleiche dem Auswurf von Fischernetzen, mit denen man Typisches ebenso fange wie Seltenes, umreißt der Herausgeber seine maritime Programmatik. Mit „Nordsee ist Wortsee“ hat er einen guten Fang gemacht!
Andreas Noga
Leseproben:
Günter Kunert
Auf der Insel Föhr
Licht und schier künstliche
Klarheit von Horizont zu Horizont.
Mir zu Füßen das alte Element,
dem der Urahn entstieg, hungrig
und gierig und vielgestaltig.
Der Strand bildet die Grenze
der Evolution. Kein zurück mehr.
Mein Ich im Strandkorb
ist die späte Ausgeburt
jener liquiden Masse, die
den Himmel wiederspiegelt anstelle
meiner Person. Der Homo sapiens
besteht zu neunzig Prozent
aus Wasser und nur zu zehn Prozent
aus Mensch –
wie in den meisten Fällen.
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Ferdinand Blume-Werry
Amrum
weit über der wölbung aus sand
letzte krähen, gefiedertes schwarz der wörter
im ausläufer des sturms
du schlägst dich vor
ins gedächtnis der dünen, weiße serifen
flüchten ins überschüssige grün
kein gedanke an die schläfrigkeit
der wiesen und an den irrsinn der tannen
auf dem rückgrat der insel
mit ihren aufs wasser gewebten schatten
schreibt der winter jetzt
ein sich ins logbuch der zornigen zeit
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Brigitte Bee
Föhr
föhrt oine föhre rüb no föhr
ischt dat gantsche föschtland löhr
föhrt dö föhre dann tschuröck
trönkt dör föhrer oinen schlöck
do tschaugelt donn dö föhr
oin bösschen möhr
Nicolas Nowack (Hrsg.): „Nordsee ist Wortsee“, Nordsee-Poesie. Wacholtz Verlag, Neumünster 2006. 224 Seiten. 15 x 20,5 cm, 19,90 Euro.