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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:48

 

Albert Ostermaier: Polar

29.10.2006

Aufgewärmte Tiefkühlkost

Auf dem Cover der Himmel scheint soeben gestorben. Wie eine Nebelbank über die ganze Breite das Wort
POLAR. Vorne letztes Rücklichtrot. Ansonsten tote Bläue... Selten wurde in einem Gedichtband so viel geraucht und so wenig gesagt, so viel durch die Straßen gestreunt, ziellos, verloren, liebesuchend. Und? Was bleibt uns außer nachgeäfften Gesten?

 

Suhrkamp, Gedichte – geht´s noch feiner? Sinkt einem da nicht gleich Knie und Rezensentenmut? (Das eine geht zu Boden, das andere in die Hose.) Und Albert Ostermaier ist ein echter Star auf der äußerst dünnbesiedelten Szene des lyrischen Erfolgs. Was er mit seinem neuen Band Polar allerdings im Sinn hatte, begreifen wir aber nicht ganz. Eine Reminiszenz an den französischen Film – okay. Geht das nicht auch privat? Alain Delon anschauen und ihm dann ein ganz persönliches Gedicht zueignen? Aber einen ganzen Band damit zusammenzuquälen, der uns nur lauter alte Pistolen an die Schläfen setzt? Gelänge Ostermaier etwas Neues, ein spangroßer Abgewinn nur von den so wunderbaren Filmvorlagen, stattdessen kritzelt er ihnen hinterher. „Aber Subtilität! Die ist doch sicher vorhanden?“ Diesem Hoffnungssuchenden wollen wir ein Original unter die schnüffelnde Nase reiben:

das ist nicht ganz das leben / von dem ich geträumt habe / das ist nicht ganz dieses beben / weil ich was zählt versäumt / habe das war ein sinnloses / streben weil ich nie etwas / von mir selbst gegeben habe / das war nicht ganz vergebens / aber zeit meines lebens eine / narbe quer über dem herzen
(Aus: cahiers)

Würde man dieses Poem nicht geostermaierstylt haben (punkt-, komma-, großschreibungslos), so sähe es wahrscheinlich folgendermaßen aus:

Das ist nicht ganz das Leben, von dem ich geträumt habe.
Das ist nicht ganz dieses Beben,
weil ich – was zählt – versäumt habe.
Das war ein sinnloses Streben,
weil ich nie etwas von mir selbst gegeben (habe).
Das war nicht ganz vergebens,
aber zeit meines Lebens (bleibt)
eine Narbe quer über dem Herzen.

Ein echter Poesiealbumklassiker! Und liest unser Schnüffler mit der poetischen Trüffelnase das Gedicht dann weiter, so wird er mit echter Rap-Poesie belohnt, voll krasskowskimäßig. (Wer gesunde Ohren hat, der höre allerdings lieber weg.) Es gibt natürlich Besseres in diesem 140-Seiten-Band als das oben zitierte. Aber selbst das Bessere genügt nicht zum Guten. Es bleibt statisch, ja starr, versatzstückhaft, ausschnittsbetont, frostig. Und selbst wenn das alles einer ausgeklügelten Poetik entspringen sollte, so bleibt da - außer Atmosphärenkult - nichts, was man stundenlang lesen wollte. Wird durch die Ostermaier-Ästhetik die Stumpfsinnigkeit und Monotonie des Satzbaus noch einigermaßen kaschiert, so bricht sie inhaltlich dann umso deutlicher als das Gähnen hervor, das uns Lesern so unschön das Gesicht verzieht. Napiert werden diese lyrischen Tiefkühlblöcke mit musealen Fotostrecken und einem Nachwort, das das Schlucken dieser Überflüssigkeiten vereinfachen will. Aber es hilft ja nichts... Unser Rat: Einfach Le Samouraï als Video besorgen und das Plappermaul mit einer filterlosen Zigarette pfropfen.

Christoph Pollmann


Albert Ostermaier: Polar. Gedichte. Suhrkamp 2006. 142 Seiten. 20,80 Euro.

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