Goethes und Rückerts Pfaden einer in alle Richtungen offenen, nicht an bestimmte Stile und Länder orientierten Weltliteratur bzw. Weltpoesie folgend, setzt man auf so berühmte (und unterschiedliche) nationale und internationale Zugpferde wie Ernst Jandl und Pablo Neruda, moderne Klassiker wie William Butler Yeats und Sergej Jessenin, aber auch junge Begabungen wie Ulrike Draesner oder Norbert Hummelt. Als gleichsam universalpoetisch möchte ich die lyrische Ausrichtung bezeichnen, zurückhaltend (auf den literarischen Inhalt fokussiert) die Buchgestaltung.
Schlicht und ergreifend Letzte Gedichte heißt der letzte Gedichtband von Ernst Jandl (1925 -2000), den Klaus Siblewski (einschließlich eines einfühlsamen Nachworts) ediert hat. Luchterhand hatte mit Jandl bereits Gespräche darüber geführt, die Sammlung mit ihm wieder zu beginnen - nun ehrt man den Dichter posthum mit der Buchnummer 2001, die den Neubeginn im Jahr 2001 originell verdeutlicht.
Jandls Tod liegt noch nicht lange genug zurück, um mich den Gedichten ohne den Gedanken an den Tod des Dichters nähern zu können. Bedrückend der radikale zynische Umgang mit den letzten Dingen, hier nimmt einer, der weiß, dass das Ende balde bevorsteht, kein Blatt mehr vor den Mund. Bittere Medizin für alle jene, die den Tod immer noch total tabuisieren. Allein schon aus diesem Grund ist der schmale Band eine notwendige Lektüre in unserer sich ewige Jugend vorgaukelnden Gesellschaft. Bei allem Ernst, trotz aller Einsamkeit, die aus den Versen quillt - von den weniger harten Spielarten der Ironie und des humorvollen Wortspiels hat Ernst Jandl bis zum Ende nicht gelassen:
müde menschen werden
früher alt
wach auf, genosse!
Von Theo Breuer
Ernst Jandl: Letzte Gedichte. Originalausgabe, 128 Seiten, Broschur 18,50 DM. SL 2001