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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:51

 

"Poesie International" in Dornbirn

03.05.2007

Lesen und lesen lassen

Das Festival „Poesie International“ fand nun bereits zum neunten Mal im Dornbirner Kulturzentrum Spielboden statt. Thomas Rothschild berichtet für TITEL.

 

Die poetische Community unterscheidet sich nicht wirklich von jeder anderen Menschenansammlung. In ihr sind alle Typen vertreten. Da gibt es Einzelne, die narzisstisch sind und egozentrisch, auf Selbstdarstellung versessen und unfähig, jedenfalls nicht willens, Anderen zuzuhören. Viele aber zeichnen sich aus durch Respekt vor einander, durch echtes Interesse am Werk der Kollegen.

Das Festival „Poesie International“ fand nun bereits zum neunten Mal im Dornbirner Kulturzentrum Spielboden statt. In den vergangenen Jahren hat die Zahl ähnlicher Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum zugenommen. Das darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Lyrik nach wie vor ein Minderheitenprogramm ist. Auch in Dornbirn sind es in erster Linie die Dichter selbst, die das Publikum bilden. Das geht nicht immer gut.

Am zweiten Abend sollte Girgis Shoukry aus Ägypten lesen. Angesichts der Anwesenheit von drei israelischen Lyrikern erklärte er sich im letzten Moment für unfähig, selbst vorzutragen. Wer die drei waren, welche Ansichten sie vertreten – das zählte nicht. Für Shoukry waren sie die Repräsentanten eines feindlichen Staates. Er ließ seine Gedichte von einem deutschen und einem Schweizer Kollegen vorlesen. Der Südtiroler Oswald Egger kommentierte das am folgenden Abend mit den Worten: „Man kann Gedichte lesen oder es lassen. Aber Gedichte lesen zu lassen – das ist mir einfach zu eitel.“

Ein hartes Urteil. Der Vorfall machte jedenfalls deutlich, dass die Dichtung nicht in einem keimfreien Raum stattfindet. Die Konflikte, die unsere Welt prägen, ragen auch in die oft idealisierte Welt der Künste hinein. Künstler sind keine besseren Menschen, und ihre Reaktionen sind ebenso dumm, ungerecht oder auch verständlich wie die jedes anderen Menschen.

Franz-Paul Hammling, der, unterstützt von Cornelia Ellensohn, das Festival von Anfang an mit bewährtem Geschmack leitet, widersprach in seiner Begrüßungsrede der These, die Politik sei aus der Lyrik verschwunden. Er plädiert für einen weniger holzschnittartigen Politikbegriff und findet bei den eingeladenen Poeten Politisches in vielfachen Varianten auf. In der Tat: alles hängt davon ab, wie man einen Begriff definiert. Vielleicht sollte man einfach darauf verzichten, von Dichtung Politik zu fordern oder sie, umgekehrt, der Dichtung zu verbieten. Dichtung ist erst einmal Dichtung und nichts sonst. Man verlangt von ihr ja auch nicht, dass sie Kranke gesund mache oder die Rätsel der Mathematik löse. Für die Politik ist die Politik zuständig und vielleicht der Journalismus. Wenn ein Dichter politisch schreibt, so ist das seine Entscheidung und nicht seine Pflicht. Politik hat für ihn grundsätzlich den gleichen Stellenwert wie die Liebe, ein Blatt auf einem Baum, der Tod der Mutter.

Im Programmheft wird, sozusagen als Motto, Franz Schuh zitiert: „Der Dichter hört nicht auf, einen Halt zu suchen, während er seine Überzeugung vertritt, dass es für ihn keinen gibt.“ Diese Sentenz hat mit Dichtung gemeinsam, dass sie gut klingt. Aber stimmt sie auch? Sucht der Dichter immerfort einen Halt? Jeder? Vertritt er eine Überzeugung? Gerade diese? Und wiederum: jeder von ihnen? Um ein Missverständnis zu vermeiden: Dichtung muss, anders als eine wissenschaftliche Aussage, nicht im Sinne der Erfahrungswirklichkeit „stimmen“. Es geht nicht um empirische Wahrheit. Aber auch Poesie ist nicht beliebig. Ob sie nach ihren eigenen Gesetzen „stimmt“ – das unterscheidet bedeutende von weniger bedeutender Lyrik. In Dornbirn war so Manches zu hören, das willkürlich wirkte, überanstrengt, es „stimmte“ halt nicht.

Zu den Höhepunkten des heurigen Treffens zählte die Russin Anzelina Polonskaja, die auswendig zu Playback-Musik rezitiert, mit einer großen Ernsthaftigkeit: Dichtung als beschwörendes Ritual. Dann Tom Petsinis, ein Makedonier aus Australien, der das mönchische Leben im Kloster Athos, mathematische Kardinalprobleme oder Fußball mit einem ausgeprägten Gespür für Klang und rhythmische Qualität von Versen bedichtet. Über alle Themen legt sich bei ihm im Tonfall ein Hauch von T.S. Eliot. Hier wird erkennbar: es gibt, gerade in der Lyrik, dezidiert nationalsprachliche Traditionslinien.

Ein weiterer Höhepunkt: der in Syrien geborene Fuad Rifka, der Rilke und Hölderlin verehrt und die Deutschen als Volk der Denker und Dichter bewundert. Die Miniaturen, die er in Dornbirn in einem feierlichen Ton vortrug, der Respekt vor Sprache und Dichtung signalisiert, glichen Genrebildchen, japanischen Tuschzeichnungen, unaufgeregt, ökonomisch bildeten sie ein Gegengewicht zur Geschwätzigkeit. Schließlich Lambert Schlechter aus Luxemburg, der in französischer wie in deutscher Sprache Gedanken mit Witz zu vereinbaren und in eine poetische Form zu gießen versteht.

Am Sonntagvormittag war der Kreis der Poesiefreunde zusammengeschmolzen. Ein paar Kilometer weiter, in Hohenems, sollte Henryk M. Broder die Festrede zur Neueröffnung des Jüdischen Museums halten. Broder hat mehr Publizität und einen höheren Aufmerksamkeitswert als Gedichte. Broder war erkrankt, die Festrede fand nicht statt. So rächt sich auf subtile Weise die Poesie an einer ungerechten Öffentlichkeit.

Thomas Rothschild

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