Zwei Höstücke von Mara Genschel mit einer Würdigung von Christian Schloyer
Mara Genschel muss man hören. Und sehen. D.h. natürlich, dass man ihre Texte hören muss, vorgelesen von der Autorin selbst, dem ganz eigenen, atemlosen und sinnlichen Rhythmus folgend, der etwas unbedingt Dramatisches hat, der einen mitzieht, bedrückt und beglückt zugleich. Dazu die flirrenden Bilder vorm eigenen inneren Auge tanzen sehen – man sieht und spürt sofort: diese Zeilen sind mehr als ein Spiel. Sie sind not-wendig.
Ihre Texte dokumentieren, sobald sie ins Gehör gehen, die Auseinandersetzung der Autorin mit der Sprache als musikalisches und bildgebendes Prinzip – als ein übermächtiges Eigending, das sich der Aneignung um so drastischer entzieht, je ernsthafter man ihm gestalterisch zu Leibe rückt. Genschels stärkste Texte sind dabei der Musik und dem Tanz so nahe, dass sie allein auf dem Papier eigentlich nicht funktionieren – zumindest geht ihnen in bloßer Druckform Spürbares verloren. Dieserart Poesie geht auf Distanz zu einer papiernen Lyrik, welche unabhängig des Vortrags auf geistreiche Verständigungsmomente abzielt, also in einem unguten (unhinterfragten) Sinne mit Sprache arbeitet, an ihr vorbei arbeitet. Wer sich zu sehr darauf verlässt, dass Wörter etwas bedeuten oder zumindest als Anspielung funktionieren können, der kennt Sprache einfach nicht.
Mara Genschel spricht: “ALB ”
Ganz anders Mara Genschel. Ihre Texte muss, will ich gar nicht verstehen, weil ich sofort spüre, dass hier Sprache verstanden ist: als sich aufbäumender Körper. Ich spüre auch, dass die Autorin in diesem Aufbäumen der Sprache selbst etwas zu sagen hat, was (unabhängig was es nun genau sei) von unbedingter, lebenswirklicher Ernsthaftigkeit ist: die Lyrikerin ist präsent in ihren Texten. Und ich spüre, dass ein Entschlüsseln der zahlreichen Anspielungsbruchstücke, Motivsplitter und Bilderfetzen den Gedichten zwar noch ein Quantum Tiefenschärfe, aber nichts Unverzichtbares hinzufügen würde – denn es gelingt ja bereits etwas, wovon man sich mit jedem Interpretations- und Deutungsversuch nur wieder entfernen würde: Unmittelbarkeit.
Mara Genschel spricht: “Radiophoneme”
Dass Genschels Texte funktionieren, weil sie direkt ins Blut gehen, sollte der wirksamste Schutz gegen Willkürvorwürfe sein, die Kritikern bei solcher Lyrik leider schnell, nicht aber immer berechtigt von den Lippen gehen. Auch mit Slam-Poesie würde ich ihre Texte niemals verwechseln wollen – es ist ein Unterschied, ob ein Text nur auf Bühnenperformance zielt, oder auf eine besondere Art der Sprachperformance, wie es hier der Fall ist. Mara Genschel ist ein Versuch geglückt, wohl unproblematischere Kanäle der Sprache zu öffnen, als die des Verstehens. Mit ihrer Widmung an Thomas Kling sollte sie ihr Licht allerdings nicht unter den Scheffel eines pedantischen Sprachraumvermessers stellen. Mir gibt das hier durchaus mehr als die Mehrzahl der Klingschen Gedichte.
Christian Schloyer
Mara Genschel, geboren 1982 in Bonn, Musikstudium in Detmold, seit 2004 am DLL in Leipzig, neben Lyrik und Prosa Projekte im Bereich Neue Musik und Hörspiel.
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