„Die Hirnschmelze schreitet voran, der Alkoholspiegel steigt unaufhörlich und aus dem Sprachschlot heraus wird emittiert, was die Restgrütze hergibt“, so lautet der Klappentext, aus dem man unschwer ersieht, dass Eckenga eher auf „Reime fürs Revier“ setzt, Gedichte so leicht zu öffnen, als wären sie eine Bierdose. Aber klar, wer Breitenwirkung will, muss auch ein wenig ausgewälzter arbeiten – das gebietet der Anstand der Anbiederung. Erstmals kommen zu Eckengas Texten auch flankierende Fotos beigesteuert, zumeist recht bejammernswerte Alltagsszenerien. Er benutzt das Bildmaterial als Inspirationsquelle, heißt: er reimt so lange um sie herum, bis sich der zündende Witzfunke daraus löst, um das Stroh in unseren Köpfen kurz auflodern zu lassen. Zu oft allerdings passiert auch gar nichts. Dann setzt er auch noch auf solch barocke Exotismen wie Akrostichon-Sonette, das sind diejenigen Reimbauten, deren Versanfänge untereinandergelesen ein Wort ergeben, z.B. Teddybaerblues oder Frühverrentung. Davon gibt es einige in diesem Band und sie tragen – wenig weit. Auf „Energiesparbirne“ reimt Eckenga „Dichterhirne“, auf „Wärmedämmung“ „Herzbeklemmung“. Das Prinzip scheint klar: Neudeutsch und Romantikdeutsch werden aufeinander losgelassen, den Boxring, die Schlammcatch-Arena bildet der Reim und schon kann es munter losgehen in diesem Death-Match der Dichtung!
In der Irre
Natürlich ist dieser Band keine Klimawandelkampfschrift. Eckenga greift auf allerhand Zusammengerümpeltes zurück: (Pop-)Kultur, Beziehungsleid, Gott, Alltagstücken, Politik, Suff, Deutschtum, Fußball und Morgenstern´sch-Absurdes. Es ist nicht die Linie drin, die der Titel uns glauben zu machen versucht. Und der Klappentext zeigt es ja schon: Ein gereimtes Kabarettprogramm, das zum Schluss - wie üblich - einen schmissig-zynischen Umschlag, eine grelle Etikette verpasst bekommt. Hier zum Buch zusammengepresst und kaum auf Zusammenhalt bedacht ist es eigentlich nicht mehr als „Eckengas gelungenste (meint der Verlag) Ergüsse“. Er ist der "wunderbare Jongleur der Sprache", schrieb der Spiegel. Oh ja, das ist er tatsächlich - und es kracht ihm die ganze Zeit etwas vor die Füße dabei. Ein Gedicht allerdings, so möchte ich am Ende noch ein Teelicht für diesen burlesken Brummkreisel hochhalten, kommt in seiner natürlichen Leichtigkeit, in seinem So-Sein-Müssen einem Gernhardt schon ziemlich nah für einen Augenblick. Es heißt (bezeichnenderweise) „Masse und Klasse“. Vorangestellt ist ihm ein wirklich hübsches Motto von Berti Vogts, es lautet: „Die Breite an der Spitze ist dichter geworden.“
- Was ragt da aus der Ebene?
- Ein Mitglied der Elite.
- Ganz schön groß, das ragt ja sehr.
- Ist ein Spitzenfunktionär.
- Mann, der ragt tatsächlich gut.
- Allererste Klasse.
- Weißt du denn, was der so tut?
- Ragen – aus der Masse.
- Masse? Sind das du und ich?
- Doch, kann man so sagen.
- Masse? Wir sind nur zu zweit.
- Aaaaber wir sind ganz schön breit.
- Da hat er ja leicht Ragen.
Christoph Pollmann
Fritz Eckenga: Prima ist der Klimawandel auch für den Gemüsehandel
Verlag Antje Kunstmann,
ca. 128 Seiten,
ISBN 978-388897-487-8,
Preis: 12,90 ¤