Gerd Sonntag & Ursula Brunbauer: Schattenseiten
11.11.2007
Nachts Pensées pflücken
Interessante, auf hohem Niveau gelungene Gedichte.
Von Karl Krolow stammt die Feststellung, dass die Metapher „Fleisch und Sensorium des Gedichts“ ist. Ob nun die Mehrheit der Lyrikgemeinde diesem Diktum eher kritisch gegenübersteht (was zu Zeiten der Fall war) oder ihm uneingeschränkt zustimmt (wohl die aktuelle Haltung) – interessante, neuartige, treffende Metaphern sind in aller Regel das wichtigste Merkmal eines (auf hohem Niveau) gelungenen Gedichts. Das Finden/ Erfinden faszinierender Metaphern gehört zu den Stärken des Lyrikers Gerd Sonntag. Man hat den Eindruck, dass Sonntags Metaphern aus sehr genauen, distanzierten Beobachtungen entstehen, die dann – um den Vorgang mit einem Ausdruck aus der Mathematik zu beschreiben – eine „informationserhaltende Transformation“ erfahren. Beispiele: Sonntag sieht einen Angler im typischen Anglerdress, tief im Wasser eines Sees stehend; er schreibt: „Ein halber Angler / bis zu den Hüften im Spiegel // ...“ Bei einem Parisbesuch fasziniert ihn ein Park am frühen Morgen, keine Menschen, eine Bank; er schreibt: „Von jener Bank rührt hier die Stille.“ Mit einer Freundin in einem meernah gelegenen Hotel, Laubbäume, ein Pool. Sonntag: „… am Pool wo der Wind von See // auf Laubtatzen übers Wasser setzt / ...“ Und dann ist da dieses umfangreiche Rembrandtgedicht („Selbst mit zwei Kreisen“, 41 Strophen) und man bekommt eine Ahnung von der akribischen Recherchearbeit über Rembrandts Leben und Werk, die der Entstehung des Gedichts vorausgegangen sein muss. Beobachtungen, Distanz, Recherche – ein Satz von Durs Grünbein fällt dem Rezensenten ein: „Dichter sind Denker, … verlorene Wissenschaftler, die ohne Fußnoten arbeiten.“
Sonntags Themen sind vielfältig. Manchmal erzählt er in Versen kleine Geschichten, zum Beispiel von seiner Urgroßmutter, von zwei Jungen, die Disneyworld besuchen, von einem Schachspiel. Keine Strophe, die eine „Botschaft“ enthält, gut versteckten Hintersinn fast jede. Seine „Geschichten“ sind sehr genau erzählt, zusammengesetzt aus vielen Beobachtungen, nüchtern und zugleich hochmusikalisch (Rhythmus, Metrum, Klang). Grünbeins Satz wurde nicht vollständig zitiert: „Dichter sind Denker, die zuallererst ihrem Gehörsinn folgen …“
Interessante, auf hohem Niveau gelungene Gedichte. Ein schönes Buch. Viele Leser kann es als Künstlerbuch nicht finden, aber die richtigen. Die, denen die Bücher nicht (aus den Bestsellerlisten) nachlaufen, die selbst suchen (oder warten), bis sie „ihre“ Bücher gefunden haben. Die richtigen eben, das ist der Vorzug der kleinen Auflage.
Maximilian Zander
Schattenseiten ist Gerd Sonntags vierter Lyrikband, entstanden in Zusammenarbeit mit der Fotografin Ursula Brunbauer und als Künstlerbuch in Karl-Friedrich Hackers „Edition Bauwagen“ erschienen. Das Programm der „Lyrischen Reihe Edition Bauwagen“ umfasst Lyrikeinzelbände und handgeschriebene Anthologien. Herausgeber der Reihe ist der Lyriker und Verleger Theo Breuer.
Ursula Brunbauers Schwarzweiß-Fotografien (im DIN A3-Format), geheimnisvoll, vielfältig deutbar: Schattenspiele und darauf (je nach Umgebung in schwarzen oder weißen Lettern) Gerd Sonntags Gedichte – das ist das konsequent durchgehaltene und (im Sinne des Wortes) ansprechende gestalterische Prinzip des Buches.
Gerd Sonntag & Ursula Brunbauer: Schattenseiten. Künstlerbuch. 49 signierte Exemplare. Lyrische Reihe Edition Bauwagen 2006. 77 Seiten.