„Na ja sagte ich, warum gibste dich auch nicht/ mit dem Butterbrotpapier zufrieden./ Grass, sagte Carl./ Yek, sagte ich./ Dann war`s `ne Weile still.“
Jörg Fauser im Duett mit Charles, Carl, Bukowski, ihr Unterhaltungsgegenstand: Butterbrotpapier und Literatur. 1973, Günter Grass im Stadium der Schulbuchkanonisierung angelangt, die junge deutsche Nachkriegsliteratur saturiert, denn „laß die andern ran, bei uns/ reichts doch höchstens zum Stinkfinger/ mit `ner abgelutschten Ginsberg-Schwarte –/ ****** poetry, dann verschwand Carl/ im Schlafzimmer, ich goß den Rest runter.“
Bereits diese kurz an- und abgerissenen Verse machen deutlich, worum es hier nicht geht, es geht nicht um ein Ankommen, weder um moralische Läuterung noch um sonstige Zeigefinger, worum es geht, lässt sich nur implizit, zwischen den Zeilen atmen, mehr eine Stimmung wird transportiert denn eine Aussage, nämlich: Grass in Ehren, aber so etwas könnte man einfach nicht mitmachen, so (einfach?) ist das wohl alles nicht. Saufkollegen. Punk. Wasted. Dann doch besser die Tresenlakonie als Stilmittel, immer kurz vor dem endgültigen Absaufen und Verstummen, „Yek“.
Potenzierter Blick
Ein wenig überrascht stößt man beim Aufschlagen der vorliegenden Fauserschen Gedichtsammlung Trotzki, Goethe und das Glück auf ein Porträt des Dichters am Grab von Gottfried Benn, ein unbeteiligter Blick zur Seite und doch eine zarte Annäherung, eine Positionierung. Man darf diese Gedichte nicht als nur antibürgerliche Ablehnung des Literaturkanons missverstehen, sie speisen sich, im Gegenteil, aus Teilen dieser Strömungen, mit Fausers Brille sieht man den brutalen Blick von Gottfried Benn in potenzierter, weil selbst durchlebter, Form: Fauser im Junkieviertel Istanbuls, der Tod sitzt einem im Nacken, Gedichte wie im Krieg, z. B. „Manchmal mit Lili Marleen“: „Und die anderen/ die sich in Cold-Turkey-Gefängnissen aufhängten [...] was ist Leben am Ende als ein Tropfen in der Kanüle/ oder Tod etwas anderes als sich weigern noch was zu sagen.“ Wenig ist gesagt, narrative Lyrik, einfach, aber von größter Authentizität, brillante wie simple Allegorien: der „Turkey“, den der Junkie in seiner türkischen Zelle schiebt, korrespondiert mit der Sehnsucht „allein mit dem Radio und weit weg mit Erinnerungen/ und manchmal mit Lili Marleen.“
Fauser ist unverkennbar auch Songtexter, eingängige Melodien sind Teil der lyrischen und performerischen Anziehungskraft (vgl. die bei Trikont erschienene CD im Fauser O-Ton), Schlagersounds, die langsam via Radio ins Hörerhirn sickern. Fauser, so ist dem aufschlussreichen Nachwort des Gedichtsammelbands zu entnehmen, schätzte nicht zuletzt die finanziellen Möglichkeiten der Musikindustrie. Achim Reichel über seinen Songtexter Fauser: „und es hat ihm auch sehr gefallen, dass seine Texte durch die Musik plötzlich von so vielen Menschen gehört wurden, er sagte immer, wer liest schon einen Gedichtband? Übrigens ist die Musik auch finanziell nicht ganz uninteressant ... seine Gema-Einnahmen waren zeitweise höher als seine Einnahmen aus den Buchverkäufen.“
Unbändiger Lebens- und Liebeswillen
Sicher, Fausers Gedichte kokettieren mit Plattitüden und Slogans, Fauser aber als antibürgerlichen Renegaten vorschnell in die Beat-Ecke auszumustern, greift in jedem Falle zu kurz. Hier ist jemand zugleich bei Brecht und Benn in die Schule gegangen und hat sich durch diesen luftigen Schachzug allen lyrischen Lagerkämpfen entzogen. Vielleicht ist so die lange währende Ignoranz der Literaturkritik zu verstehen. Man war womöglich lange Zeit einfach ratlos. Ah ja, da kam doch mal was aus Amerika rüber. Ok Beat, zack, Klappe zu. Etiketten wie „Schmuddelpoet“ oder eine 1:1 Gleichsetzung mit Bukowski sind sicherlich zu kurzsichtig: Hinter der antiästhetischen Schmutzigkeit schimmert bei Jörg Fauser immer ein unbändiger, geradezu politischer Lebens- und Liebeswille, Leben als ein „harter Rock“* , denn: „Auch wenn das Leben schmutzig ist/ Es ist für uns die einzig wahre Sache/ Und wenn es manchmal auch so traurig ist/ Das Leben will doch, dass man drüber lache // Komm in die Falle, Marie ...“**
*Vgl. Mittekill: Harter Rok, Kitty-yo-digital, 2007
**.Vgl. „Erinnerung an die Marie A.“ von Bertolt Brecht, an den das Fauser Gedicht „Komm in die Falle, Marie“ auch formal erinnert. 