Im Grunde ist alles gesagt. Ulf Stolterfoht erhält den diesjährigen Peter-Huchel-Preis, die höchste Auszeichnung, die einem Lyriker hierzulande zuteil werden kann, für seinen
holzrauch über heslach. Was soll man da noch schreiben? Es wurde ja auch schon so viel geschrieben. Liest man sich durch die Besprechungen, Aufsätze und Meditationen, die es zu diesem Band gibt, fällt einem vor allem auf, dass Stolterfoht als der letzte lebende (und echte!) Dichtungsavantgardist aufgefasst wird. Was natürlich im gleichen Atemzug bedeutet, dass ihm Hermetik und eine unheilbare Liebe fürs Sprachspiel zugeschrieben werden. Beides nicht ganz falsch. Aber auch nur halb richtig.
Oft wird die Richtung, die der Autor mit seinem neuen Buch eingeschlagen hat, fast unter den Teppich gekehrt. Das mag an einer Art Gewohnheit liegen, die sich in dem Blick eingerichtet hat, mit dem man Stolterfoht-Bücher betrachtet. Seine
Fachsprachen nämlich waren durchaus als ein letztes Rütteln an jenen Pforten zu verstehen, die die Wiener (respektive die Stuttgarter) Schule und ihre Ausläufer fest hinter sich verschlossen glaubten. Nun aber liegt die Sache ein wenig anders. Und sie liegt schon im Titel anders (der sich zwar explizit Heißenbüttel verdankt, aber sei’s drum). Mit und durch Heslach – ein Stadtbezirk Stuttgarts, zwischen Stuttgart-Mitte und Degerloch gelegen – kommt ganz ausdrücklich die Welt in Stolterfohts Gedichte, und zwar von außen, als nicht-sprachlicher Ausgangspunkt sprachlicher Arbeit. Das war zuvor nicht so. Die
Fachsprachen bedeuteten geradezu paradigmatisch die Errichtung einer solipsistischen Welt in einer ganz auf sich selbst reduzierten Sprach-Sphäre (so weit eine solche Reduzierung eben möglich ist).
Nun aber ist das Wunder geschehen. Stolterfoht ist zum Erzähler geworden. Spielerisches Sprechen, sicher, das ist immer noch vorhanden, im Überfluss sogar, allerdings macht es Spaß, in dieses Sprechen hineinzulauschen, weil es sich nicht im Selbstgenuss erschöpft, sondern immer ausgreift in eine geerdete Wahrnehmung der Dinge. Die Reim- und Stablust und alles andere (man könnte ja Breuers
Deutsche Metrik und Versgeschichte durchwälzen und alles haarklein nachvollziehen, was Stolterfoht da treibt) sind dem Autor also keinesfalls abhanden gekommen. Sie haben sich bloß verfeinert, indem sie sich in den Dienst einer, tja, Geschichte stellen.
Was genau in dieser Geschichte erzählt wird, steht wiederum auf einem anderen Blatt und ist – wie bei jeder guten Geschichte – nicht so leicht zu paraphrasieren. Die beobachtende und reflektierende Instanz der Gedichte – die ich einmal ganz unverwandt als Autoren-Ich bezeichnen möchte – setzt sich in einen Strom der Bilder, Erzählungen, Anekdoten und Berichte, der von Beginn an gefangen nimmt und bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Wie ein großer Rausch gehen die Verse durch einen hindurch. Und es ist erst einmal sekundär, woher die Zitate und Anspielungen stammen, mit denen der Text so reich verziert ist (und aus denen er seine anarchische Kraft schöpft). Im Nachgang freilich, kann es geradezu zur Lust werden, die Quellen zu befragen und so den Text beinahe bis ins Unendliche hinein zu verlängern. Auch verbietet es sich, einzelne Teile herauszulösen und an dieser Stelle zu zitieren – man käme in einen Teufelskreis und aus dem Zitieren nicht mehr heraus. Man muss dieses Gedicht als das lesen, was es ist. Als ein Ganzes. Als eine sehr private wie auch umfassend gesellschaftliche Sozialisierungslehre, als ethnologische Grabungsarbeit, als eine von Slapstick gesprenkelte Materialschlacht. Man kann es natürlich auch ganz anders lesen. Hauptsache, man liest es.
Lars Reyer
Stolterfoht: holzrauch über heslach. Gedicht. Sammlung Urs Engeler Editor, Band 58, 2007. Gebunden, mit Schutzumschlag. 124 Seiten. 19,00 Euro. ISBN 978-3-938767-27-6