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Frank Milautzcki: Und Chrys fragt wieviel Stück

02.03.2008

Über Länder und Zeiten hinweg wie ein Flackern

Wer Milautzcki in seine Bio- und vor allem in seine Bibliographie folgt, die ihn nicht nur als produktiven Schriftsteller, sondern auch als Musiker und bildenden Künstler und nicht zuletzt als Herausgeber unterschiedlichster Publikationen ausweist, der erahnt schnell, dass dieses Unstete seinem Naturell entspricht, seinem Drang zum Experiment – erfreulicherweise lässt er den Leser daran teilhaben.

 

Die Silver Horse Edition, die sich, der Name deutet es bereits an, bisher vornehmlich mit Reiseliteratur und Literatur rund ums Pferd einen Namen gemacht hat, hat vor kurzem eine weitere Leidenschaft ihres Herausgebers Peter Ettl ans Halfter genommen und gönnt nun auch der Lyrik reichlich Auslauf. Dabei erweist sich die Edition mitnichten als Gnadenhof für lahmende Ackergäule und in die Jahre gekommene Springpferde, sondern hat namhafte Pferde im lyrischen Stall. Nach eigenen Gedichten des Herausgebers erschienen bereits Bände von Jürgen Völkert-Marten (Flugzeuge über Flugenten), Axel Kutsch (Stille Nacht – nur bis acht), Theo Breuer (Nacht im Kreuz) und Christa Wißkirchen (Der Nährwert des Kiesels). Mit Und Chrys fragt wieviel Stück von Frank Milautzcki schickt die Silver Horse Edition nun einen weiteren hochklassigen Lyriker in die Startbox und in ein – wie sich schnell zeigen soll – spannendes Rennen.

Gedichte der ständigen Bewegung

Eine rauchende Frau steht mit einem abgestellten Koffer im Türrahmen, ein Schwarzweiß-Linolschnitt des Autors auf dem Titel – in weißem A5, geheftet –, ein schlichter erster Eindruck, der von der Komplexität der enthaltenen Gedichte weit entfernt ist. Und Chrys fragt wie viel Stück ist kein herkömmlicher Gedichtband mit einer bloßen Anzahl einzelner, für sich stehender Gedichte. Er erzählt eine Liebesgeschichte, einen Lebensabschnitt, in dem die Liebe versucht wird in zwischen Glück und Unglück changierenden Momenten. Ein Kapitel, das im Maghreb spielt und aus ihm flüchtet, über Länder und Zeiten hinweg wie ein Flackern. Im Spiel des Ensembles kondensiert die Geschichte, und es gerinnen Begriffe wie Glück, Schmerz und Trennung. Es sind Gedichte der ständigen Bewegung, der alles und jeder unterworfen ist, Gedichte über das Unterwegssein, sowohl räumlich als auch geistig, Texte, die selbst unterwegs sind, um aufzudecken, was wirklich brauchbar und haltbar ist. Unterwegs zu immer einem Ziel, das nicht endgültig ist – von zu vielen Bergen kann man noch auf zu viele Seen blicken, in zu viele Wasser kann man seine Beine stellen, da gibt es keine Sattheit und selbst im Leid keinen Verdruss.

Irgendwie gehts immer weiter

Wer Milautzcki in seine Bio- und vor allem in seine Bibliographie folgt, die ihn nicht nur als produktiven Schriftsteller, sondern auch als Musiker und bildenden Künstler und nicht zuletzt als Herausgeber unterschiedlichster Publikationen ausweist, der erahnt schnell, dass dieses Unstete seinem Naturell entspricht, seinem Drang zum Experiment. Erfreulicherweise nimmt er den Leser mit und lässt ihn an den Landschaften und ihren Details, an Gerüchen und Begegnungen teilhaben. Dabei erfährt die Gefühlswelt ständige Aktualisierung, wird in Echtzeit modifiziert: „Abklopfen, erfahren, erschöpfen, gefangen nehmen / lassen. Worte als Ruderboote erfinden / und Bojen auswerfen für später.“ – eine sehr persönliche Lyrik nah am Leben. Das muss fließen, da es sonst verstockt. Es hält sich nicht auf. Geschickt wird der Lesefluss zusätzlich durch eingestreute, oft auch versteckte Reime („Auf Bierpappe hielten wir fest: / Mond und Ägypten, wie wir in neue Träume / kippten ...") begünstigt, die den Leser durch die erzählte Geschichte ziehen und auf ein Ende zusteuern lassen, das keins sein kann. Irgendwie geht’s immer weiter.

stefan heuer.


Frank Milautzcki: Und Chrys fragt wieviel Stück. Neue Gedichte. Silver Horse Edition. 44 Seiten. 6,80 Euro. ISBN 3-937037-19-5.

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