Beim ersten Durchblättern kann ich die allgemeine Begeisterung nicht uneingeschränkt nachempfinden, letztendlich siegt aber auch in mir der große Respekt vor dem Literaturnobelpreisträger. Dennoch ist es nicht Liebe auf den ersten Blick, wie ich sie bei anderen Gedichtbänden erlebt habe.
Gemeinsam mit der Aussage, dass Joseph Brodsky als ein Jahrhundertpoet besonderer Klasse gilt, gibt mir das aus seiner mittleren Periode stammende Gedicht „Liebe“ die notwendige Neugierde, um in seinen Worten das zu suchen, was andere längst gefunden haben: eine klare Sprache, würdevoll und sehr eigenwillig. Was mich nicht weiter verwundert, gehört er doch zu den Ersten, die aus der tiefen sowjetischen Erstarrung der Nachkriegsjahre erwachten und mit einer gehörigen Portion Wortgewaltigkeit erste Zeichen in Richtung Freiheit setzten, zumindest in der Poesie. „Liebe“ ist genau der Schluck Wasser zur rechten Zeit, der einen unverkennbaren Zauber in sich trägt, an den ich mich noch lange erinnern werde. Es ist ein faszinierendes Gedicht, wenngleich durch die einfache Titelwahl nicht die Intimität und Kraft dessen ausdrückt werden, was Brodsky mit seinen Worten vermitteln will.
Der Lyriker bleibt auch im Fortgang des Bandes bei seiner „einfachen“ Titelgebung. Im Jahr der Nobelpreisvergabe 1987 entsteht u. a. „Nacht, ganz verrückt nach dem Weiß der Haut. Vom würdigen Farn, der am Laden kratzt, bis zur Schnitzerei eines blinkenden Sterns schmiegt die Nacht sich wie ein Insekt.“ Hier lässt Brodsky überflüssige Worte wie die Überschrift einfach weg, das elementare Engagement seiner Verse verfehlt seine Wirkung dadurch keineswegs. Ja, dieses Gedicht kommt ohne aus; es ist die Kunst des Unterlassens, des Weglassens.
Natürlich hat es sich Michael Krüger, dem mit diesem Band eine gute Auswahl gelungen ist, nicht nehmen lassen, mit „Ekloge: Winter“ auch einen Fingerzeig in Richtung Leningrad zu setzen. Obwohl Brodsky nach seiner Ausbürgerung in New York ansässig wurde, kehrt er in seinen Werken häufig in seine Heimat zurück. Als ein Meister seines Handwerks stellt er brillante Zeilen wie in „XII“ hinein:
„Winter! Ich liebe den Geschmack deiner herben
Moosbeere zum Tee, Teller mit geschälten Mandarinen,
deine Mandeln und Erdnüsse, zweihundert Gramm nur.
Kükenschnabel öffnest du, werbend
mit Namen wie „Olga“ oder „Marina“;
allein in der Kindheit oder im Warmen
klingen sie zärtlich. Ich besinge die Schneedecke,
blau leuchtend,
wenn’s dämmert, das Rascheln der Folie, das wundervolle
Ces in „Alle meine Entchen“, wenn Gottes Hand
die Tasten anschlägt.
Und das Brennholz, das auf den hallenden Höfen
der feuchten
Stadt, die am Meer friert, rumpelt und poltert,
wärmt mich bis heute, auch hierzulande.“
Ein fast zärtlich wirkendes Gedicht, mit dem Brodsky seine Sehnsucht nach dem russischen Winter bekundet. Dem letzten Gedicht des Bandes schließt sich sein Nachwort an. Brodsky, der für seine umfassenden Essays bekannt ist, räsoniert in „altra ego“ über den Unterschied zwischen der Geliebten bzw. dem Dichter und der Muse. „Die Muse stirbt nicht. Sie bleibt und scheint sich nicht daran zu stören, für eine einfältige Person gehalten zu werden ... Lassen wir ihr also Flöte und Wildblumenkranz ... auf diese Weise zumindest könnte sie den Biographen entgehen.“
Allmählich beginne ich zu schwanken, ob ich in Brodsky eher einen herausragenden Poeten oder ein Essayisten sehen soll. Wahrscheinlich ist er beides. Für mich als enthusiastische Lyrikleserin sind Joseph Brodskys Töne vor allem eines: fein und ästhetisch und trotzdem von einer Freiheit, die mir mein Herz aufgehen lässt – eine Liebe auf den zweiten Blick.