Betrachtet man die Poetiken junger und jüngster DichterInnen, die in Hermetisch offen, einer Sonderausgabe der Intendenzen, versammelt sind, so könnte sich das Gefühl aufdrängen, die letztjährigen Debatten um die Lyrik Anja Utlers bzw. zwischen Ulf Stolterfoht und Steffen Popp seien ein Relikt aus modernistischer Vorzeit gewesen, ein Rückfall in die Zeit der Grabenkämpfe. Nicht mehr geht es darum zu zeigen, welche Form des Schreibens aus welchen Gründen heutzutage am sinnvollsten wäre, sondern es dominiert der Blick auf den eigenen Bildschirm und das eigene Leben. Die gesellschaftlichen Kontexte weitgehend auf vage Formeln reduzierend, ist die von den meisten AutorInnen gewählte Form die persönliche Erlebnisschilderung. So war’s bei mir...
Subjektivität der Poetik
Eine Konsequenz der poetologischen Subjektzentrierung ist die Abwendung von der Textgrundlage, dem Gedicht. Wenig erfährt man über die Entscheidungen der einzelnen LyrikerInnen für bestimmte sprachliche Formen oder über die Gedichte der hier vertretenen AutorInnen; die poetologischen Skizzen ergeben in ihrer Gesamtheit ein Potpourri aus der gesamten Lyrikgeschichte und lassen sich nicht als Antworten auf eine sie verbindende Frage lesen. Für die meisten der jungen DichterInnen ist das Gedicht Stimmungskonserve oder Mittel zur Welterfassung, wobei erstaunlich häufig das Schreiben als zwanghafte Handlung geschildert wird. Solche traditionellen Topoi werden in neuen Analogien wiederaufgelegt, die etwa den Bildmedien oder der Medizin entnommen sind, wobei begriffliches Denken und Argumentation bzw. Auseinandersetzung mit den Positionen anderer Autoren nur selten vorkommen. Das eigene Gefühl bildet den vielfach beschworenen Indikator poetischer Qualität, ohne dass diese Empfindung hinterfragt oder zumindest der Versuch unternommen würde, sie genauer zu umschreiben.
Positiv fallen unter diesen subjektzentrierten Poetiken die Texte von Ulrike Almut Sandig und Carl-Christian Elze auf, da beide sich genügend Raum nehmen für die Darlegung ihrer Schreiberfahrungen. Sandig konzentriert sich vor allem auf den kommunikativen Aspekt der Lyrik und geht der Frage der Vermittelbarkeit dessen nach, was für sie ihre Gedichte ausmachen. Ihr Text markiert auch dann kritisch die prekären Punkte der eigenen Poetik, wenn sie keine Lösung für die darin enthaltenen Probleme kennt und Zuflucht sucht im Streumen, einem Wort, dass bei Sandig Ort und Bewegung in einem abbildet. Hans-Christian Elze betreibt in seiner Poetik eine offene und detaillierte Selbstergründung, die weit über die skizzenhaften Ansätze der anderen BeiträgerInnen hinausgeht, illustriert von einem seiner Gedichte und auf diese Weise das eigene Empfinden an den Text zurückbindend.
Subversivität des Gedichts
Freilich verfolgen nicht alle AutorInnen selbst- und gefühlszentrierte Ansätze. Einige versuchen auch, die Verbindung des eigenen Schreibens mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen herauszuarbeiten, wobei sie dem Gedicht das Potenzial zur Unterwanderung des durchökonomisierten Alltags zuschreiben. Doch bleiben die poetologischen Ausführungen zu dieser These meist so allgemein, dass sich der Eindruck aufdrängt, hier manifestiere sich eher ein diffuses Subversivitätsempfinden, wenn nicht gar ein selbsterteilter Meritennachweis der DichterInnen. Das Spektrum reicht dabei von sprachlichen und logischen Nachlässigkeiten wie dem Satz „Dem Vorwurf an die zeitgenössische Lyrik, in irgendeiner Weise inflationär daherzukommen, kann problemlos damit entgegnet werden, dass sie notwendigerweise physisch sehr präsent ist in einer Welt, deren Voraussetzungen alles andere als günstig für etwas wie Poesie zu sein scheinen“ bis hin zu den subtilen Formulierungen Christian Schloyers. Jedoch ist auch dessen Beitrag, der sich diskursiv auf der Höhe der Zeit bewegt, zu sehr im Abstrakten belassen, so dass nach der Lektüre der Wunsch offen bleibt, Schloyer möge doch einmal anhand eines Gedichts zeigen, wie Lyrik Kritik übt an der ökonomisierten Alltagssprache.
So lässt sich anhand dieses Sammelbands und den Lyrikdebatten des letzten Jahres eines erkennen: blieb die Popp/Stolterfoht-Diskussion im Aufeinandertreffen zweier Lyrikauffassungen im Abstrakt-Theoretischen eher fruchtlos (wobei die beiden Autoren sich in ihren Gedichten näher stehen als in ihren poetologischen Ansichten), wurden in der Auseinandersetzung über die Texte Anja Utlers konkrete Merkmale ihrer Lyrik herausgearbeitet, woraus – bei allen Differenzen in deren Bewertung – ein Erkenntnisgewinn resultierte. Ansatzweise gelingt die Verbindung von Poetik und Gedicht Norbert Lange in seiner Utopie einer Gedankenlyrik, die alle sprachlichen Aspekte umfasst, wobei Lange an eigenen, sehr unterschiedlichen Texten das Potential der Lyrik veranschaulicht. Hier zeigt sich, dass der Bezugspunkt einer Poetik das konkrete Gedicht sein sollte und nicht die persönliche Haltung des Autors oder der Autorin.
