Vor Kurzem stieß ich durch Zufall auf eine Statistik der Stiftung Lesen, aus der hervorging, dass in Deutschland jeder Vierte überhaupt keine Bücher liest. Auch die dort aufgeführten „Gelegen-heitsleser“ verzeichnen laut Umfrage einen leichten Rückgang, während die Zahl der „Viel-Leser“ (mehr als 50 Bücher pro Jahr) mit rund 3% stets gleich bleibt. Leider war dieser Statistik nicht zu entnehmen, um was für Bücher es sich dabei handelt, denn die Frage nach Anspruch und Umfang ist dabei ja nicht gänzlich unbedeutend. Und so hätte es mich gefreut, wenn neben der Quantität und der (zugegeben sehr subjektiv empfundenen) Qualität der konsumierten Bü-cher auch das Kriterium der Nachhaltigkeit Berücksichtigung gefunden hätte – denn was ist ein Buch, von dem nichts hängen bleibt, das zum einen Auge rein und zum anderen raus geht, ohne Spuren zu hinterlassen, Neugier zu schüren oder Lücken zu schließen? Wer diese Formel noch länger in den Händen wendet, die Temperatur langsam erhöht und die Inhalte um das Beiwerk reduziert, kristallisiert über kurz oder lang die „Inspiration“ heraus, die dafür sorgen kann, dass ein Text beim Leser nachwirkt, wenn die eigentliche Lektüre längst abgeschlossen ist.
Andreas Noga, 1968 geborener, im Westerwald lebender Lyriker und Lyrikredakteur der Zeit-schrift „Federwelt“, ist ein Mensch, der gegenüber der Inspiration offen ist. Sein neuester, bereits vierter Gedichtband Orakelraum, als neunter Band der hochkarätig besetzten Lyrikreihe der Silver Horse Edition erschienen, weist denn auch durch die Kategorisierung „lyrische Colla-gen“ auf das Fertigungsverfahren dieser Texte hin: Fundstücke aus unterschiedlichsten Printme-dien, Schlagzeilen, Überschriften und Gedichten anderer Autoren, aus denen er mittels Assozia-tion neue Bilder geschaffen hat.
Aus wenigen Wörtern spinnt Noga neue Fäden, neue Zusammenhänge, nimmt alte Motive auf und bringt sie in neue Konstellationen, wobei er sich als aufmerksamer Beobachter erweist, der gerade die zwischenmenschlichen Beziehungen fein auszuleuchten und auszudrücken vermag.
schweigsam
noch bliebe ein rest zu sagen
mein mund ist vorübergehend geöffnet
dann wieder geschlossen
die speerspitzen mit denen du zielst
sind vergiftet –
wenn man stille fotografieren könnte
wäre mein schweigen ein fisch
glatt und silbern
und er sähe aus der tiefe
zu dir hoch
Ein runder, vielseitiger Lyrikband, von dem genügend hängen bleibt, um einen Tag im Büro zu überstehen, kurz vor dem Jahresabschluss, einen einsamen Abend mit miserablem Fernsehprog-ramm ignorieren zu können, und mit der einen oder anderen Zeile ein eigenes Gedicht zu begin-nen.
Ein inspirierter, inspirierender Gedichtband.