"Ich sollte, wollte etwas über Benn schreiben. Fand keinen Anfang. Ging herum. Nach einigen Tagen träumte ich von ihm." Während es mir genauso mit Rühmkorf geht, lese ich diese Zeilen in einem Prosagedicht von Walter Helmut Fritz und habe nun - endlich! - den Anfang!
Dem 1929 geborenen Peter Rühmkorf, einem der erfolgreichsten (und auch populärsten) Lyriker hierzulande, haben Verlage im Jahre 1999 gleich mehrere Publikationen gewidmet: die eine bereits von der Aufmachung her schöner als die andere... Vor mir liegt: WENN - ABER DANN, im Untertitel: vorletzte Gedichte. 1959 erschien die erste Gedichtsammlung Rühmkorfs (Irdisches Vergnügen in g) und nun also - 40 Jahre danach - die vorletzte: ein langer Atem... Der Untertitel erinnert mich an den Biertrinker, der nicht von der Theke loskommt und auf die überflüssige Frage, das wievielte Bier er denn nun bestelle, stets antwortet: das vorletzte.
Das ist typisch Rühmkorf (und Sie merken schon: Sie haben es bei ihm mit einem vershörigen Menschen zu tun!): Bereits der bunte Buchdeckel - auf dem sich der Autor als selbstkritischer (selbstironischer?) und gleichzeitig (scheinbar) (nach-)lässiger Dichter outet: eine Collage aus einem originalen Schreibmaschinenblatt mit Korrekturen von Hand, deren Tinte zerläuft - gibt die Rühmkorfsche Marschdichtung an: er ist ein lyrischer Wattenläufer, der sich gleichzeitig im Nassen und Trockenen aufhält, der den antinomischen Unausweichlichkeiten und Unlösbarkeiten nicht aus dem Wege geht, sondern sie augenzwinkernd spöttisch in seinen in mancherlei Hinsicht gebrochenen Versen beschrei(b)t. Bei einem Pier Paolo Pasolini heißt das bitterernst und lakonisch: amando il mondo che odio (ich liebe die Welt, die ich hasse), während Peter Rühmkorf, der bestimmt ganz ähnlich empfindet, stets dem legeren, lockeren, luftigen Ton treu geblieben ist - einschließlich sarkastischer, ja, auch: zynischen Schlenker. Man könnte fortwährend lachen, wenn's nicht so zum Weinen wäre:
Wiedermal so ein Jahr den Styx hinunter,
beinah ohne Blutvergießen,
bravo!
Die ihm vielfach verliehenen Preise haben es nicht vermocht, des Dichters Rückgrat zu brechen und Dinge aus einer verantwortlichen Gruppe der Gesellschaft zu überschreiben, die ihm die Preise verliehen hat (und der er ja auch selbst angehört). Seit über 40 Jahren diesem Zwiespalt ausgesetzt (dem die meisten von uns ausgesetzt sind), kommentiert, kabarettiert, parodiert König Rühmkorf (der sein eigener Narr ist) auf seine virtuose, zumeist gereimte Art und Weise - mittlerweile natürlich höchst routiniert auch sich selbst (was durchaus folgerichtig ist: Waren es beim jungen Rühmkorf notwendigerweise u.a. die "Klassiker" Claudius, Klopstock & Co., hat sich dieser Rückgriff nach über 40 Jahren Poeterey ja gleichsam von selbst erledigt) und schlägt nach wie vor die unorthodoxen Haken vom intellektuellen zum alltäglichen Vokabular - ohne Rücksicht auf eigene oder fremde Verluste die nichts als neurotische "Spezies Zeitgenosse" ganz cool in die Pfanne hauend! Seine Vorbilder und lyrischen Lieblinge hat er übrigens nicht vergessen - im Gegenteil, wie nicht nur sein Gedicht "Frommer Wunsch" belegt:
Wünsch mir im Himmel einen Platz
(auch wenn die Balken brächen)
bei Bellmann, Benn und Ringelnatz
und wünschte, daß sie e i n e n Satz
in e i n e m Atem sprächen:
nimm Platz!
Wenn es stimmt, daß Bescheidenheit die größte Form der Arroganz ist, so denke ich, daß Peter Rühmkorf einer der unarrogantesten Dichter unter Gottes Sonne ist. Das und vieles, vieles mehr aus der 90er-Jahre-Welt mit ihren lyrischen (liebevollen, natürlichen, politischen, ökologischen, gesellschaftlichen...) Themen und Motiven des Peter Rühmkorf herauszufinden oder zu ganz anderen Bewertungen zu finden gibt es nur einen Weg, liebe Leser: die Anschaffung eines schönen Buches eines Autors, der mit 70 quicklebendig durch die Gegend läuft, sich und seine Zeitgenossen betrachtend, in luftigen Tönen über die Vergänglichkeit räsonnierend, gleichzeitig u.a. eine Jahrtausende alte Figur bedichtend, die das Gegenteil zu beweisen scheint...
Two girls discover
the secret of life
in a sudden line of
poetry.
I who don't know the
secret wrote
the line. They
told me
lauten die ersten Strophen von Denise Levertovs The Secret, das das Gedicht als kommunikatives Medium (kontaktiven Spielball?) zwischen Autor (der sein eigenes Gedicht niemals ganz kennen kann - wie er sich selbst nicht kennt) und Leser (der das Gedicht mit seiner Lesart zu seinem subjektiven Ende bringt) begreift, was erst lyrische Auseinandersetzung mit Welt möglich macht. Mit jedem der 70, in 6 Kapitel abgeteilten Gedichten aus WENN - ABER DANN packen Sie diese günstige Gelegenheit beim Schopf.
Von Theo Breuer
Peter Rühmkorf: wenn - aber dann. Gebundene Ausgabe - 533 Seiten - Rowohlt, Reinbek Erscheinungsdatum: 2000
Als CD: Peter Rühmkorf liest Lyrik und Prosa. 2 CDs. ISBN: 3498057529